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Kampf gegen das Vergessen : Erschossen, weil er eine Zuckerrübe genommen hat

  • -Aktualisiert am

Mahnmal: Das Konzentrationslager Buchenwald Bild: ASSOCIATED PRESS

Den Zweiten Weltkrieg erlebte Karl-Heinz Volkert als Kind. Aus nächster Nähe musste er mitansehen, wie ein KZ-Häftling erschossen wurde. Jenes Erlebnis und die Haltung seiner Eltern haben ihn für sein Leben geprägt.

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          Viele junge Menschen wollen heute mit der Schoa, der Ermordung von über sechs Millionen europäischer Juden durch die Nazis, nichts zu tun haben. Aber sie müssen wissen, dass es nicht vergessen werden darf." Dies ist das wichtigste Anliegen von Karl-Heinz Volkert. Der 75 Jahre alte Mann aus Münster ist Initiator und Mitgründer der Israelstiftung. Darüber hinaus ist er auch seit 20 Jahren Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Münster. Mit dem deutsch-israelischen Jugendaustausch, Schulpflegschaften und durch Kontakte zu Politikern Israels versucht er die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel zu erweitern. Die Wände seines Wohnzimmers zieren mehrere Kreuze und Menorot.

          Israel ist sein Lebensprojekt. Noch im vergangenen Herbst flog er wieder mit seinen Enkelkindern nach Israel. Er selbst war in diesem Land zum 61. Mal. Karl-Heinz Volkert war sechseinhalb Jahre alt, als die Geschäfte der jüdischen Freunde seiner Eltern in Burgsteinfurt, mittlerweile wird es Steinfurt genannt, am 9. November 1938 zerstört wurden. Volkerts Vater lehnte die nationalsozialistische Ideologie ab. Er war überzeugter Christ und empfand die Nationalsozialisten als große Gefahr. Doch der Druck, sich den Nazis anzuschließen, wurde so groß, dass die Familie letztendlich nach Bonn umzog, um dem Beitrittszwang der NSDAP zu entgehen.

          Ein halbes Untertauchen

          Im Alter von neun Jahren wurde Karl-Heinz Volkert Messdiener in der Stiftspfarre in Bonn und lernte einen Pater des Redemptoristenordens kennen. Der empfahl ihm, sich dennoch dem Jungvolk anzuschließen, eine Organisation, die auf die Hitlerjugend vorbereitete. Daher wechselte er in den folgenden Jahren im Halbjahresrhythmus in verschiedene Organisationen innerhalb des Jungvolks. Er hat im Singkreis gesungen, im technischen Kreis gewerkelt, einen Erste-Hilfe-Kursus absolviert, in der Laienspielschar geschauspielert und zuletzt im Spielmannszug die Landsknechttrommel geschlagen. Dieser Wechsel, der jedes halbe Jahr erfolgte, verhinderte, dass Karl-Heinz Volkert auffallen konnte und somit im Jungvolk befördert worden wäre. ,,Ich habe das gemacht, weil meine eigene Position gegenüber den Nazis und die Position meines Vaters hinreichend bekannt waren. Es war ein halbes Untertauchen", sagt er, und man meint etwas Stolz über sein Austricksen der Nazis in seinem Tonfall zu erkennen.

          Nach dem Verlust der Wohnung in Bonn durch die alliierte Bombardierung folgte ein weiterer Umzug nach Hornburg, eine Kleinstadt nahe Wolfenbüttel. Im Frühjahr 1945 begegnet Volkert einem Treck von KZ-Häftlingen auf dem Weg in das nördlich von Hannover gelegene Konzentrationslager Bergen-Belsen. Gemeinsam mit Freunden verteilten sie Brot und Wasser an die Häftlinge. "Mir war bewusst, dass sie menschenunwürdig behandelt wurden."

          Gierig auf Geschichte

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