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Ju-Jutsu : Weiche Kunst und supercool

  • -Aktualisiert am

Bild: von Zubinski

Mit Selbstverteidigung zur Meisterschaft. Im Ju-Jutsu sind Technik, Kraft, Tradition und Wettkampf vereint. Eine Ausbilderin berichtet.

          3 Min.

          Tanja Dietz-Röding steht mitten im Raum, ihr gegenüber ein stämmiger 18-Jähriger. Er hat sie am Handgelenk umfasst. Der Schüler drang auf sie ein. Plötzlich ein kurzer Schrei, und der Mann taumelt zwei Meter nach hinten. Die zierliche Gymnasiallehrerin hat ihre Ju-Jutsu-Künste eindrucksvoll demonstriert. Die im Französischunterricht am Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium Münnerstadt harmlos wirkende, selbstbewusste Frau hat neben ihrem Beruf ein Hobby: die Selbstverteidigungskampfsportart Ju-Jutsu. Die weiche Kunst, was Ju-Jutsu wörtlich übersetzt bedeutet, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Asien nach Europa. Tanja Dietz-Röding betreibt den Sport seit 1988. Inzwischen trainiert sie mindestens zweimal zwei Stunden wöchentlich, dazu kommen noch viele Lehrgänge und Prüfungen, die sie selber hält oder besucht. Als Jugendliche kam sie zum Kampfsport über eine Freundin, die im Gegensatz zu ihr schon ein Auto besaß. Im Schweinfurter Sportclub 1900 gefiel es ihr sofort: „Man hatte alles: sehr nette Leute, einen supercoolen Sport.“

          Wurf mit viel Adrenalin im Blut

          Schon bald machte sie ihren ersten Farbgürtel, nach fünf Jahren dann ihren ersten Dan. Mit dem Dan stieg sie zum Meister auf. Harte und weiche Technik wurden ihr vertraut, mit der Zeit automatisierten sich die Griffe. „Nach 1000 Mal kann man einen Wurf, auch mit viel Adrenalin im Blut“, sagt sie. Der Sport stähle auch das Selbstbewusstsein. So sei die Ausstrahlung des Körpers nach außen mindestens so wichtig in einer Gefahrensituation wie die Technik zur Verteidigung selbst. „Die Täter suchen sich ihre Opfer aus“, und zwar „immer die kleinen und schwachen der Herde“, deshalb ist grade diese Form der Prävention in einem Sport, der nur zur Selbstverteidigung gedacht ist, besonders wichtig. Tatsache ist, dass sogar Videoaufnahmen aus Justizvollzugsanstalten, die körperliche Auseinandersetzungen zwischen Häftlingen zeigen, von Justizvollzugsbeamten ausgewertet wurden, um die Techniken zur Verteidigung weiter zu optimieren.

          So ein Angebot schlägt man nicht aus

          Die letzte große Regeländerung wurde 2000 vollzogen. Seitdem sind auch Techniken aus dem nicht traditionell-japanischen Kampfsport ins Ju-Jutsu integriert, um den Sport weiter an den Praxiseinsatz anzupassen und das Beste aus allen Kampfstilen zu vereinen. Inzwischen gibt Dietz-Röding selber Kurse, unter anderem auch an ihrer Schule, da sie glaubt, „dass jedes Mädel so was mal gemacht haben muss“. Das Training sieht sie als Ruhepol in ihrem Leben. Nach sieben Jahren Einsatz im Frauenlehrteam, das sich auf die Ausbildung anderer Ju-Jutsuka zu Ausbildern für die Frauenselbstverteidigung spezialisiert hat, kam das Angebot, ins bayerische Technik-Lehrteam zu wechseln – „etwas, was man nicht ausschlägt“. Als erste Frau wurde sie vor zehn Jahren ins deutsche Lehrteam aufgenommen. Nun ist sie mitverantwortlich für die Weiterentwicklung der Sportart und in ganz Bayern unterwegs. Manche Prüfungen dauern bis zu acht Stunden.

          Zum Glück war eine Krankenschwester da

          Voraussetzung für die Aufnahme ins Team war das Beherrschen einer traditionellen Kata. Die Kata, für die sie ein Jahr lang trainiert hat, dauert 15 Minuten und besteht aus einer festen Abfolge von Angriffen, Würfen und Abwehrtechniken. Es gibt auch freie Formen, die jeder Ju-Jutsuka persönlich für sich entwickelt. Wenn man Kampfsport hört, denkt man oft an etwas Brachiales. Nicht so ist es im Ju-Jutsu, beteuert die Sportlerin. In den mehr als drei Dekaden habe sie nur fünf schwerere Verletzungen erlebt, an sich selbst einen gebrochenen Finger, Bänderdehnungen sowie Prellungen. Einmal verletzte sie ihren Partner während einer Prüfung über dem Auge, was eine starke Blutung zur Folge hatte. Glücklicherweise war dessen Schwester anwesend, die ihn als Krankenschwester sofort verarzten konnte. Inzwischen sind beide gute Freunde. Generell habe der Schutz des Übungspartners immer oberste Priorität. Besonders relevant ist das, wenn mit Scheinwaffen wie einem Stock oder einem stumpfen Messer gekämpft wird. Getroffen werden darf schließlich alles.

          Wenn sie vor einem 90-Kilo-Brocken steht

          Das Fighting, eine Stilrichtung des Ju-Jutsu, „kommt dem Straßenkampf schon ziemlich nahe“. Trotzdem gebe es „keinen harten Kontakt“, so ist der offensive Einsatz der Ellenbogen verboten. Dietz-Röding belegte 1991 den dritten Platz bei den deutschen Meisterschaften. Selina Schmidt wurde vor zwei Jahren Weltmeisterin im Fighting der U21. Auch sie stammt aus dem Schweinfurter Verein „SG Franken Sennfeld“, zu dem Dietz-Röding 2014 wechselte. Trotzdem schätzt sie den Frauenanteil im Ju-Jutsu nur auf 20 Prozent; und das obwohl es nur kleine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe: „Wenn vor mir so ein 90-Kilo-Brocken steht, mach ich eben keinen Wurf, sondern eine andere Technik.“ Schließlich müssten sich Ju-Jutsuka auch auf der Straße verteidigen können. Der Sport ist nicht teuer. Ein Anzug, der Gi, kostet etwa 80, ein Grütel 15 Euro. Übt man nicht in einer Kampfsportschule, ist nur ein Vereinsbeitrag fällig. Der Trainer des Sportclubs, den Tanja Dietz-Röding „von Beginn an toll fand“, ist inzwischen auch ihr Ehepartner.

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