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Indische Patienten : Eine Frage der Ehre und Korruption

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Ihre Familien konnten oder wollten die Behinderungen nicht mehr ertragen. Jetzt leben die Patienten in einem bescheidenen Heim bei Mangalore. Und mit ihnen eine junge Deutsche, die in Indien ihr Freies Soziales Jahr macht.

          Indien – das Land des Taj Mahals, der Spiritualität und der Farben. Es gilt dank der wachsenden IT-Branche als neue Weltmacht, es ist seit Jahrzehnten Sinnbild für religiöse Vielfalt und Toleranz, und importierte Yogis bringen gestressten Westlern die indische Lebensphilosophie bei. Und auch wer an Goas Stränden genüsslich einen Cocktail schlürft oder durch Mumbais westlich eingefärbtes In-Viertel Colaba schlendert, vergisst oft die anderen, ebenso typisch indischen Seiten des Landes: krasse Armut, die einem vor allem im Süden des Subkontinents nicht überall begegnet, aber vor allem oft gnadenlose gesellschaftliche Konventionen.

          Ein Paradebeispiel hierfür stellt das Seon Ashram Trust nahe der südindischen Hafenstadt Mangalore dar. Wer hierher kommen möchte, wird nach drei Stunden holpriger Busfahrt durch die Anfänge der Western Ghats inmitten eines Palmenwaldes abgesetzt, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Vor ihm tut sich ein großer grau-weißer Gebäudekomplex auf, dem der ständige Wechsel von Regen und Hitze der vergangenen Jahre nicht gutgetan hat. Ein großes Schild verkündet, dass hier ein Alten-, ein Behinderten- und ein Psychiatrisches Heim zu finden sind. Und tatsächlich leben derzeit an die 300 Menschen aller Altersstufen im Ashram, dem indischen Begriff für eine ursprünglich spirituelle Gemeinde.

          Von Familien hierher geschickt

          Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen hier – viele Frauen kamen nach einer Vergewaltigung, andere wurden von ihren Familien hergeschickt, wieder andere wurden von staatlichen Sozialarbeitern aufgesammelt und vorbeigebracht. Die meisten Patienten sind mittleren Alters und werden hier ihr ganzes Leben verbringen, trotz der euphemistischen Bezeichnung des Projekts als Rehabilitationszentrum. Ihre Familien haben aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung oder Problemen bei der Verheiratung ihrer Kinder entschieden, sich ihrer Verwandtschaft zu entledigen – der Fleck einer psychischen Krankheit würde die Ehre und den Anstand der Familie immer beschmutzen.

          Neben den Erwachsenen gibt es auch Kinder, das jüngste wahrscheinlich gerade mal ein halbes Jahr alt. Genau weiß man es nicht – die Mutter hat es ausgesetzt. Die meisten anderen Kinder sind zwischen fünf und zehn Jahren alt. Ihre Schicksale sind nicht minder dramatisch – so wurde ein Junge nackt im Wald gefunden, wo die Mutter ihn an einen Baum gefesselt hatte; andere leiden an Behinderungen, die die Familie nicht mehr ertragen oder behandeln konnte. Nun kümmern sich vormals weibliche Patienten um die Kinder, für dauerhaftes und professionelles Personal fehlt das Geld.

          Zwei Toilettenlöcher für 50 Menschen

          Das Ashram ist eine vor zehn Jahren privat gegründete und damit komplett von Spenden abhängige Institution, ins Leben gerufen von dem Großfarmer Urumban Cheryian Paulose. Eines Tages sah er an einem Bahnhof Bettler im Abfall nach Essen wühlen, sammelte kurzerhand auf dem Heimweg alle bedürftigen Menschen ein und nahm sie mit zu seiner nichtsahnenden Familie. Mit gut sechzig Patienten lebte die sechsköpfige Familie für über ein Jahr in ihrem kleinen Haus, bis die gesammelten Spenden dazu reichten, das Krankenhaus zu errichten.

          Nun leben nur noch wenige Patienten bei der Familie selbst, obwohl auch das große Gebäude mittlerweile vollkommen überfüllt ist. Etwa 50 Menschen nächtigen in einem Schlafsaal und müssen sich zwei Toiletten teilen, die im Grunde nicht mehr sind als ein Loch im Boden. Und obwohl gesetzlich vorgeschrieben ist, dass jedem Patienten zehn Quadratmeter zustehen und das Ashram schon jetzt aus allen Nähten platzt, werden noch immer Bedürftige von staatlichen Sozialarbeitern eingeliefert. Für sie werden primitive Schlafstätten, Nahrung und medizinische Grundversorgung zur Verfügung gestellt, mehr lassen die finanzielle und personelle Situation nicht zu.

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