https://www.faz.net/-guy-16ixk

Indische Patienten : Eine Frage der Ehre und Korruption

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Ihre Familien konnten oder wollten die Behinderungen nicht mehr ertragen. Jetzt leben die Patienten in einem bescheidenen Heim bei Mangalore. Und mit ihnen eine junge Deutsche, die in Indien ihr Freies Soziales Jahr macht.

          Indien – das Land des Taj Mahals, der Spiritualität und der Farben. Es gilt dank der wachsenden IT-Branche als neue Weltmacht, es ist seit Jahrzehnten Sinnbild für religiöse Vielfalt und Toleranz, und importierte Yogis bringen gestressten Westlern die indische Lebensphilosophie bei. Und auch wer an Goas Stränden genüsslich einen Cocktail schlürft oder durch Mumbais westlich eingefärbtes In-Viertel Colaba schlendert, vergisst oft die anderen, ebenso typisch indischen Seiten des Landes: krasse Armut, die einem vor allem im Süden des Subkontinents nicht überall begegnet, aber vor allem oft gnadenlose gesellschaftliche Konventionen.

          Ein Paradebeispiel hierfür stellt das Seon Ashram Trust nahe der südindischen Hafenstadt Mangalore dar. Wer hierher kommen möchte, wird nach drei Stunden holpriger Busfahrt durch die Anfänge der Western Ghats inmitten eines Palmenwaldes abgesetzt, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Vor ihm tut sich ein großer grau-weißer Gebäudekomplex auf, dem der ständige Wechsel von Regen und Hitze der vergangenen Jahre nicht gutgetan hat. Ein großes Schild verkündet, dass hier ein Alten-, ein Behinderten- und ein Psychiatrisches Heim zu finden sind. Und tatsächlich leben derzeit an die 300 Menschen aller Altersstufen im Ashram, dem indischen Begriff für eine ursprünglich spirituelle Gemeinde.

          Von Familien hierher geschickt

          Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen hier – viele Frauen kamen nach einer Vergewaltigung, andere wurden von ihren Familien hergeschickt, wieder andere wurden von staatlichen Sozialarbeitern aufgesammelt und vorbeigebracht. Die meisten Patienten sind mittleren Alters und werden hier ihr ganzes Leben verbringen, trotz der euphemistischen Bezeichnung des Projekts als Rehabilitationszentrum. Ihre Familien haben aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung oder Problemen bei der Verheiratung ihrer Kinder entschieden, sich ihrer Verwandtschaft zu entledigen – der Fleck einer psychischen Krankheit würde die Ehre und den Anstand der Familie immer beschmutzen.

          Neben den Erwachsenen gibt es auch Kinder, das jüngste wahrscheinlich gerade mal ein halbes Jahr alt. Genau weiß man es nicht – die Mutter hat es ausgesetzt. Die meisten anderen Kinder sind zwischen fünf und zehn Jahren alt. Ihre Schicksale sind nicht minder dramatisch – so wurde ein Junge nackt im Wald gefunden, wo die Mutter ihn an einen Baum gefesselt hatte; andere leiden an Behinderungen, die die Familie nicht mehr ertragen oder behandeln konnte. Nun kümmern sich vormals weibliche Patienten um die Kinder, für dauerhaftes und professionelles Personal fehlt das Geld.

          Zwei Toilettenlöcher für 50 Menschen

          Das Ashram ist eine vor zehn Jahren privat gegründete und damit komplett von Spenden abhängige Institution, ins Leben gerufen von dem Großfarmer Urumban Cheryian Paulose. Eines Tages sah er an einem Bahnhof Bettler im Abfall nach Essen wühlen, sammelte kurzerhand auf dem Heimweg alle bedürftigen Menschen ein und nahm sie mit zu seiner nichtsahnenden Familie. Mit gut sechzig Patienten lebte die sechsköpfige Familie für über ein Jahr in ihrem kleinen Haus, bis die gesammelten Spenden dazu reichten, das Krankenhaus zu errichten.

          Nun leben nur noch wenige Patienten bei der Familie selbst, obwohl auch das große Gebäude mittlerweile vollkommen überfüllt ist. Etwa 50 Menschen nächtigen in einem Schlafsaal und müssen sich zwei Toiletten teilen, die im Grunde nicht mehr sind als ein Loch im Boden. Und obwohl gesetzlich vorgeschrieben ist, dass jedem Patienten zehn Quadratmeter zustehen und das Ashram schon jetzt aus allen Nähten platzt, werden noch immer Bedürftige von staatlichen Sozialarbeitern eingeliefert. Für sie werden primitive Schlafstätten, Nahrung und medizinische Grundversorgung zur Verfügung gestellt, mehr lassen die finanzielle und personelle Situation nicht zu.

          Weitere Themen

          Der unsichtbare Feind

          FAZ Plus Artikel: Kampf gegen Ebola : Der unsichtbare Feind

          Im Nordosten Kongos kämpfen Ärzte gegen einen abermaligen Ebola-Ausbruch. Doch nicht nur das Virus ist eine Gefahr – auch der Bürgerkrieg erschwert die Lage dramatisch. Er ist schlimm, schlimmer ist aber das Misstrauen der Menschen.

          Topmeldungen

          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Hat Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in der Vergabe der vom europäischen Gerichtshof gestoppten Pkw-Maut getrickst, um die Kosten möglichst niedrig erscheinen zu lassen? Neue Dokumente legen diesen Vorwurf nahe.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.