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Indische Patienten : Eine Frage der Ehre und Korruption

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Denn trotz der finanziellen Krise beschränkt sich die soziale Arbeit der Familie längst nicht nur auf das jetzige Krankenhaus. So wird im Nebendorf eine Privatschule unterhalten, da die staatlichen Schulen nicht gerade für ihre fundierte und universitätsvorbereitende Ausbildung berühmt sind. Hier lernen neben den zahlenden Schülern auch 47 Kinder von Patienten – natürlich kostenlos. Ein weiteres Projekt funktioniert ähnlich wie ein Mikrokreditunternehmen. Die rund 100 Dörfer legen Gelder zusammen, um sich bei größeren Anschaffungen und in schwierigen Zeiten gegenseitig zu unterstützen. Auf staatliche Hilfe kann nämlich vor allem im ländlichen Bereich nicht gehofft werden.

Wie Edward Luce in seinem Buch „In spite of the Gods“ feststellt, rührt Indiens krasse Armut weniger von fehlenden Mitteln her als von korrupten Beamten, in deren Taschen teilweise bis zu 80 Prozent der Gelder landen, wie beispielsweise im nordindischen Bundesstaat Bihar. In Indien herrscht ein strenges Kündigungsschutzgesetz, und so ist der Beamte nahezu unkündbar, die Menschen sind machtlos und müssen sich anderswo Hilfe suchen. Daher sind Initiativen wie die des Ashram willkommene Erleichterungen und Hilfestellungen für viele der umliegenden Dörfer.

Touristen verirren sich nie hierher

Diese Projekte kosten viel Geld, Zeit und Energie, und es verwundert nicht, dass die Familie Kraft und Motivation im Glauben sucht. Überall im Haus finden sich Jesusbilder und Sprüche wie „Jesus versagt nie“ oder „Jesus liebt dich“. Dass unter den Ashrambewohnern auch etliche Hindus oder Muslime sind, wird vernachlässigt. So wird in den abendlichen Gebetsrunden die Bibel rezitiert, freitags gibt es eine Messe in der hauseigenen Kapelle, und beinahe allen Patienten wird eine Kreuzkette umgehängt. Doch trotz dieses eher europäischen Einschlags lebt man hier äußerst indisch. Zu Essen gibt es meistens Reis mit einer Gemüsesoße, gegessen wird mit der rechten Hand; westliche Errungenschaften wie Kino oder Cafs finden sich erst im drei Stunden entfernten Mangalore und zum nächsten Internetcaf fährt man mindestens eine Stunde Bus. Stattdessen gibt es pittoreske Chai-Shops, wo für umgerechnet acht Cent Tee mit Blick auf Palmen serviert wird; einige typisch indische General Stores, die von Bindis, also Stirnklebepunkten, bis hin zu Läuseöl alles verkaufen, und Schneider, die einem den Chudidar oder Sari direkt auf den Leib schneidern. Touristen verirren sich hierher nie. So zeigt sich Indien hier von einer ursprünglichen Seite, die dem Lebensalltag der meisten Inder entspricht.

Die Bedingungen auf dem Dorf haben sich seit Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht geändert, und während ein eigenes Auto in den größeren Städten mittlerweile normal ist, beträgt der Jahresverdienst in einem der Hunderttausenden Dörfer des Landes durchschnittlich weniger als 750 Dollar. Das faszinierende Dorfleben mit am Fluss waschenden Frauen und Kokosnussmilch trinkenden Menschen unter Palmenblattdächern ist jedoch bei weitem nicht so pittoresk, wie es dem durchreisenden Touristen erscheinen mag.

Tief verankertes Kastenwesen

Der krasse Unterschied zwischen globalen Städten und mittelalterlichen Dörfern behindert nicht nur das rasante Wirtschaftswachstum, sondern festigt auch das tief verankerte Kastenwesen und damit die asozialen Gesellschaftsordnungen, welche Projekte wie das Seon Ashram Trust erst nötig machen. In größeren Städten und vor allen in Touristengegenden ist es längst zu einer Normalität geworden, den Kindern bei der Partnerwahl freie Wahl zu lassen und auch nicht mehr so streng im Hinblick auf die Kaste des Gegenübers zu sein.

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