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Indische Patienten : Eine Frage der Ehre und Korruption

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Seit wenigen Jahren jedoch kooperiert das Ashram mit der örtlichen Nichtregierungsorganisation „Field Service and Intercultural Learning“. Sie vermittelt Freiwillige, die für einige Monate das Projekt unterstützen und mit den Patienten arbeiten, so gut es eben geht. Zunächst müssen die Ausländer sich aber erst einmal an die vorherrschenden hygienischen als auch kulturellen Verhältnisse gewöhnen. Der Umgang mit den Patienten ist oft ruppig, Schlafen auf dem Steinboden ist keine Seltenheit, und die schlecht diagnostizierten Krankheiten werden nur unzureichend behandelt.

Manchmal ist Aline überfordert

Die Arbeit der überwiegend weiblichen und unausgebildeten jungen Menschen konzentriert sich auf die Verschönerung des Patientenalltags. Es werden eine Englisch- und eine Malstunde angeboten, dazu kommen Vorleserunden, Sport, Theater- und Tanzprojekte; Kinder werden gewaschen, gewickelt und in die Sonne geholt. Da die meisten Patienten kein Englisch sprechen, sondern eine der vielen Regionalsprachen wie Kannada oder Malayalam, funktioniert Kommunikation oft nur über Gestik und minimale Vokabelkenntnisse. Dennoch machen die Aufgeschlossenheit und Neugier der Inder und Inderinnen gegenüber den Ausländern Freundschaften schnell möglich, obwohl bei Nachfrage oft „die weiße Haut“ Grund ist.

Das hat auch Aline Dammel so erlebt. Die 20-jährige Wiesbadenerin ist nach ihrem Abitur 2009 ins Seon Ashram gekommen und macht hier elf Monate lang ein Freies Soziales Jahr. Mittlerweile hat sie sich sehr gut eingelebt und anfängliche Probleme wie mangelhafte Hygiene, das eintönige, reislastige Essen und Berührungsängste mit den Patienten überwunden. Allerdings gibt es immer noch Situationen, in denen sie überfordert ist: „In Indien ist das Schlagen von Kindern oder Patienten oft ganz normal. Ich finde es sehr schwierig, das mit ansehen zu müssen, und habe gleichzeitig Angst, als eine arrogante Weiße zu gelten, wenn ich einschreite“, sagt die junge Frau und spielt mit ihren roten Haaren, die im Kontrast zu ihrem blauen Oberteil stehen. „Ich fühle mich aber weniger dem Ashram an sich als vielmehr den Patienten verpflichtet, und es ist schon toll, wie leicht man ihnen eine Freude bereiten kann, so kitschig es auch klingen mag.“

Ihre Figur lässt sich nur erahnen

Da viele der Freiwilligen keine ausgebildeten Sozialarbeiter, Ärzte oder Psychologen sind und selten länger als drei bis vier Monate bleiben, stellen sie keinen Ersatz für professionelle und vor allem ortskundige Mitarbeiter dar. Doch die finanzielle Lage macht es der Ashramleitung, die derzeit fast ausschließlich auf den Schultern von Pauloses Tochter Sowmya lastet, unmöglich, mehr als die derzeit 15 fest angestellten Krankenschwestern, Aufpasserinnen und Sekretärinnen zu beschäftigen. Trotz der ständigen Auslandsreisen des Vaters nach Kuweit, Dakar oder Dubai, um Spenden einzutreiben, fehlt das Geld an allen Ecken und Enden.

Seit Beginn der Weltwirtschaftskrise sei die Bereitschaft zu Spenden stark zurückgegangen, und oftmals wisse sie gar nicht, wie sie die Rechnungen der Arbeiter oder das nächste Abendbrot zahlen solle, sagt die 26-jährige Sowmya, und ihre langen schwarzen Haare schwingen hin und her. Wie alle jungen Inderinnen trägt sie einen bunten Chudidar, ein knielanges Oberteil mit Schal und Pluderhose. Damit sind die kritischen Hautstellen Knie und Schulter vollkommen bedeckt, und die Figur lässt sich nur erahnen.

100 Dörfer legen ihr Geld zusammen

Die jedem Patienten zustehende staatliche Unterstützung von 300 Rupien monatlich hat sie nicht beantragt. Die Unterschrift des zuständigen Beamten kostet halb so viel wie der zu erwartende Gewinn, muss jedoch im Voraus bezahlt werden und ist somit viel zu teuer. Ernüchtert sagt Sowmya, während sie an ihrem Chai nippt: „Wer einmal zu einer Behörde gegangen ist, wird doch nicht noch einmal hingehen. Korruption ist überall zu finden, jedes Dokument muss extra bezahlt werden.“ Sie erhofft sich Hilfe und Spenden von ehemaligen Mitarbeitern, um nicht nur das heutige Ashram am Laufen zu halten, sondern auch das neue Krankenhausgebäude nebenan zu Ende bauen zu können.

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