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Holocaust : „Wir können uns nicht ewig hassen“

  • -Aktualisiert am

Drei deutsche Schüler sprechen in Paris mit Verfolgten des Nationalsozialismus. Ein Gespräch über Widerstand und Versöhnung.

          4 Min.

          Wir sprechen zu euch nicht als Feinde, denn man darf euch nicht für die Fehler der Generation eurer Großeltern verantwortlich machen.“ Liliane und Daniel Franck nicken zustimmend. „Eure Großeltern können euch nicht die Geschichte vermitteln, wie wir es können. Sie haben anderes erlebt.“ Rachel Cheigam schaut die drei Jugendlichen, die, mit Diktiergerät, Papier und Stiften ausgerüstet, an ihrem Wohnzimmertisch sitzen, ernst an. „Habt ihr eure Großeltern jemals gefragt, welche Verantwortung sie an den Verbrechen der Nazi-Diktatur tragen?“ Es herrscht nachdenkliche Stille. Durch eines der geöffneten hohen Fenster lässt sich das Hupen eines vorbeifahrenden Autos vernehmen, ansonsten ist es ruhig in der Pariser Avenue.

          Die drei 17- bis 18-jährigen Gymnasiasten aus Ganderkesee blicken in die Runde. Ja, sie hätten sich mit der Rolle ihrer Großeltern auseinandergesetzt. Deswegen seien sie ja heute auch gekommen. Niklas Beier, Julian Sieling und Philipp Glahé haben ihre Facharbeit über die Rolle der Deutschen in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Dazu wollten die Schüler auch mit denen sprechen, die am eigenen Leib erfahren haben, was es bedeutet, zum Spielball nationalsozialistischer Interessen zu werden. Die Adressen der Zeitzeugen haben sie von ihrer Geschichtslehrerin bekommen und nach einem intensiven Briefwechsel und vielen Telefonaten das Treffen in Paris organisiert.

          Nachfahren der Tätergeneration

          Das Kinn auf seine großen, mit Altersflecken bedeckten Hände gestützt, pflichtet der 84 Jahre alte Daniel Franck seiner Vorrednerin bei: „Es ist wichtig, miteinander zu reden, wenn man verhindern möchte, dass sich die Geschichte wiederholt.“ – „Ach Daniel, nimm doch die Hände vom Mund! Die drei Messieurs können doch kein Wort verstehen.“ Rachel, mit 93 Jahren die Älteste im Raum, tadelt ihren ehemaligen Mitstreiter im jüdischen Widerstand mütterlich. Die kleine Gesprächsrunde lacht herzlich. Die Atmosphäre ist entspannt. Auch der Umgang der beiden Widerstandskämpfer Rachel und Daniel und dessen Frau Liliane mit den drei Jugendlichen ist weitaus lockerer, als man hätte denken können, wenn drei jüdische Zeitzeugen drei Nachfahren der deutschen Tätergeneration gegenübersitzen.

          „Wir waren uns wirklich unsicher darüber, was uns bei dem Gespräch erwarten würde“, geben die Jugendlichen zu. „Nie zuvor haben wir mit Opfern des Nationalsozialismus gesprochen, uns fehlt hier jegliche Erfahrung. Sicherlich, wir wurden von unserer Geschichtslehrerin vorbereitet, in der Theorie ist doch manches anders als in der Praxis.“ Gefürchtet haben sich die drei vor allem davor, in ein Fettnäpfchen zu treten oder zu unsensibel zu sein, das Gespräch sollte immerhin in Französisch geführt werden. Flink kratzen die Minen der Kugelschreiber über das Papier, als Daniel erzählt, warum er sich dazu entschlossen hatte, der Résistance beizutreten. „Ich war 16 Jahre alt, als ich begriff, dass die Deutschen gekommen waren, um mich zu verhaften.“ Die Wehrmacht hatte Nordfrankreich längst besetzt, als Daniel im Sommer 1942 von einem Bekannten gewarnt wurde. Er hatte gesehen, dass deutsche Soldaten gekommen waren und ihn suchten.

          Kontakte zu einer Schleuserbande

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