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Hobby-Römer : Über die Grenze

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Bild: Philip Waechter, Labor Frankfurt

„Man steht in der Natur und sieht nichts“, sagt Limes-Cicerone Manfred Baumgärtner, der Wanderer auf den legendären römischen Weg führt. Denn das Wesentliche ist hier für das Auge unsichtbar.

          5 Min.

          Da drüben bei dem Fußballplatz ist der letzte nachgewiesene Turm, dann verschwindet der Limes", sagt Manfred Baumgärtner und zeigt in Richtung Nordwesten. Mit sechs geschichtsinteressierten Wanderern steht der charismatische Limes-Cicerone auf dem Limeswachturm bei Lorch in der Provinz Obergermanien. "Diese Holzbohlenbauweise sieht aber mehr nach Arizona und Wilder Westen als nach Römern aus", sagt Baumgärtner über die 1969 errichtete acht Meter hohe Wachturm-Rekonstruktion aus mahagonifarbenem Eichenholz. Der Fremdenführer im khakifarbenen Wanderhemd deutet auf einen etwa fünfzig Meter entfernten Grashügel: "Wahrscheinlich ist der Limes dort auf der Anhöhe verlaufen. Aber so genau weiß das niemand." Auf Spurensuche nach den Römern führt die vierte Etappe der Limesstafette 2011 die Gruppe von Lorch nach Schwäbisch Gmünd, zwölf Kilometer am obergermanisch-Raetischen Limes entlang. Es geht durch Wälder und Täler, vorbei an grünen Wiesen. "Eigentlich laufen wir der Fantasie hinterher", schmunzelt der ausgebildete Fremdenführer Baumgärtner. "Der Limes ist ein reines Bodendenkmal. Man steht in der Natur und sieht nichts."

          In Baden-Württemberg liegen siebzig Prozent des Unesco-Weltkulturerbes Obergermanisch-Raetischer Limes unter der Erde. "Das Entscheidende ist die Vermittlung der Geschichte des Limes", sagt Baumgärtner. "In Deutschland gibt es für 550 Kilometer Limes nur vier Limesbeauftragte, die Geld für ihre Arbeit bekommen. Am Hadrianswall in England sind es zwanzig, und der ist nur 113 Kilometer lang", empört sich der Ingenieur für Oberflächentechnik. Von Rheinbrohl bei Aachen bis Eining im Bayrischen Wald, am ganzen Limes sind die Cicerones ehrenamtlich tätig. In einer achtzigstündigen Ausbildung erfahren sie nicht nur Genaueres über die römische Geschichte, die Wirtschaft und das Leben im Römischen Reich. "Wie führe ich eine Gruppe durch den Wald und durchs Museum?" Nur wer sich auch mit dieser Frage überzeugend beschäftigt hat, darf sich seine Kenntnisse vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg in Lindau attestieren lassen. Die geprüften Limesführer in Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern haben einen Cicerone-Ausweis.

          Manfred Baumgärtner hat den Verband der Limes-Cicerones gegründet. 2005 hat das Landratsamt des Ostalbkreises in einer Anzeige nach geschulten Fremdenführern am Limes gesucht. Das Ehepaar Baumgärtner machte die Ausbildung. "Eigentlich wollten meine Frau und ich nur mal was Gemeinsames machen", sagt der dunkelhaarige Mann mit den grauen Bartstoppeln lachend. Mögglingen, sein Heimatdorf im Ostalbkreis, liegt selbstverständlich am Limes. Heute hat der Verband rund 130 Mitglieder entlang des obergermanisch-rätischen Grenzwalls. "In Ungarn sind sie auch an unserem Konzept interessiert." Und den Engländern sei es unbegreiflich, dass ein solches Netzwerk basierend allein auf ehrenamtlichem Engagement aufgebaut werden konnte. "Man muss schon ein bisschen fanatisch sein, man bekommt ja nichts dafür", gibt der sympathische Endvierziger zu. In Zukunft will der Familienvater kürzertreten, den Vorsitz hat er abgegeben.

          Undurchlässig war der Schutzwall nicht. Anfangs symbolisierten Waldschneisen den Übergang vom römischen Rechtsgebiet ins germanische Barbarenland. Von 100 nach Christus bis ins Jahr 160 nach Christus errichteten die Römer ihre Reichsgrenze. "Hier in Obergermanien haben wir den Wall- und Grabentyp", erklärt er. An der Grenze wurde gehandelt, die Germanen strömten ins Römische Reich. "Ein Migrationsproblem gibt's also zu allen Zeiten", lacht ein beleibter Mann mit Halbglatze. Angegriffen wurde der Grenzwall nicht: "Dazu war einfach zu wenig los", sagt Baumgärtner.

          "Ich bin die ganzen 550 Kilometer des Obergermanisch-Raetischen Limes alleine abgelaufen", erklärt eine ältere Frau mit Strohhut. Als ihr Mann noch gelebt habe, hätten die beiden das Interesse für die Geschichte geteilt. Sie selbst sei schon als Kind von den Römern fasziniert gewesen: "Das ist halt unsere Geschichte", sagt sie. Die sieben Wanderer tauschen Erfahrungen aus, manche erzählen ihre Lebensgeschichte. "Ich finde es einfach klasse, dass wir das zweitlängste Weltkulturerbe direkt vor unserer Haustür haben, nur die Chinesische Mauer ist noch länger. Man muss doch nicht immer weit fahren, damit es interessant wird", begeistert sich eine dunkelblonde Frau mit Pony.

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