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Hirnschlag mit 24 : Sie konnte keinen Stift mehr halten

  • -Aktualisiert am

Bild: Philip Waechter, Frankfurt LABOR

Ausgerechnet am Tag ihrer Verlobung änderte sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere. Mit 24 Jahren erlitt Therese Sutter einen Hirnschlag. Aber sie wurde wieder gesund.

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          Therese Sutter macht den Kühlschrank auf und schaut nach rechts, ihr Herz pocht wild. Sie blickt nach links und dann wieder ganz langsam nach rechts, doch auch jetzt kann sie den Orangensaft an der Innenwand nicht sehen, ohne den Kopf stark nach rechts zu wenden. Sie umklammert den Saft und geht mit eilenden Schritten ins Wohnzimmer, wo ihr Freund und ihre Familie sitzen, um ihre Verlobung zu feiern. Als sie sich in den Ohrensessel setzen will, merkt sie, dass ihr rechtes Bein keine Kraft mehr hat, will sich mit den Händen stützen, knickt mit dem rechten Arm ein und plumpst unbeholfen auf den Sessel.

          Die Gäste schauen die kleine, 24-jährige Frau mit dem hellbraunen, schulterlangen Haar und blauen Augen verwirrt an. Hubert, ihr Verlobter, trägt sie ins Bett. Yvonne, ihre Mutter, setzt sich auf die Bettkante, schaut sie kritisch an und sagt, was sie befürchtet. Sie vermutet, ihre Tochter habe einen Hirnschlag erlitten, wie schon der Onkel und Yvonnes Cousine. Schließlich bringen sie Therese ins nahegelegene Krankenhaus in Baar, einer Kleinstadt in der Zentralschweiz.

          In der Notaufnahme schildert Therese dem Arzt aufgelöst ihre Beobachtungen. Doch nach den ersten Sätzen hat sie große Mühe mit der Bildung von vollständigen, grammatikalisch korrekten Sätzen. Die Ärzte erklären, es sei ein Schlaganfall, was eigentlich sehr selten bei so jungen Leuten vorkomme. Um eine optimale Behandlung zu gewährleisten, wird sie nach Zürich ins Universitätsspital verlegt. Dort werden Schichtaufnahmen ihrer linken Gehirnhälfte gemacht, um die beschädigten Hirnzellen zu identifizieren. Ihre linke Seite funktioniert einwandfrei, doch das rechte Bein und den rechten Arm spürt sie nicht mehr und kann sie auch nicht selbständig bewegen. Der Augenarzt bestätigt, dass sie auf der rechten Seite ein stark eingeschränktes Blickfeld hat. Wie erwartet lautet die Diagnose: „Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte!“ Sofort wird damit begonnen, ihr zweimal täglich Blutverdünnungsspritzen zu geben, denn wenn die Hirnzellen wieder Sauerstoff erhalten, kann es sein, dass sie ihre alte Funktion nach einiger Zeit und mit hartem Training wiederaufnehmen. Mit einer freundlichen, pummeligen Physiotherapeutin Ende vierzig lernt Therese relativ schnell, sich ohne Hilfe aufzusetzen und aufzustehen. Auch mit der Sprache macht die ehrgeizige Frau Fortschritte, was sie enorm anspornt, da es für sie das Schlimmste war, als sie ihre Gedanken nicht mit anderen teilen konnte. Sehnsüchtig wartet Therese auf jede Therapiestunde, endlich kann die diplomierte Kauffrau selbst ihre Heilung vorantreiben. Zusätzlich erhält sie Ergotherapie für die Feinmotorik. Für die Rechtshänderin ist es beinahe unmöglich geworden, einen Bleistift zu halten oder etwas zu schreiben. Übungen, wie zum Beispiel Wellenlinien nachzuziehen, fordern enorme Geduld.

          Nach zehn Tagen wird sie ins Krankenhaus Zug verlegt, damit Hubert nicht mehr so weit fahren muss, um sie zu besuchen. In einem Rollstuhl wird sie zum Auto gebracht. Auch in Zug geht sie zur Therapeutin und übt eifrig. Nach zehn weiteren Tagen im Krankenhaus wird Therese entlassen. Sie kann in ihre lang ersehnte, liebevoll eingerichtete Wohnung in Rotkreuz, einem Dorf zwischen Zug und Luzern, die sie mit Hubert vor zwei Jahren gekauft hat. Therese macht den Haushalt. Alles ist ermüdend und benötigt viel Zeit, da sie ihren Arm und die Hand nicht gut steuern kann.

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