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Gedächtnissport : Das Bild vom Beil und Flugzeug bleibt hängen

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201 Namen führten ihn zum Weltrekord

Mit diesen einfachen Methoden hat Konrad bei „Wetten, dass. . .“ begeistert. Dabei merkte er sich fünf ungelöste Sudokus und suchte diese hinterher aus 100 gelösten heraus. Auf der deutschen Meisterschaft 2010 stellte er einen Weltrekord auf und ordnete in 15 Minuten 201 Namen den richtigen Gesichtern zu. In der gleichen Disziplin belegte er im selben Jahr bei der Weltmeisterschaft im chinesischen Guangzhou den zweiten Platz. Zusammen mit der deutschen Nationalmannschaft gewann er die Teamwertung. Den Ablauf beschreibt der schlanke Managertyp im dunklen Anzug so: „Die Teilnehmer sitzen an Tischen und bekommen je nach Art des Memorierens Zettel mit Zahlen, Bildern oder Wörtern vorgelegt. Nach einer bestimmten Einprägzeit muss jeder aufschreiben, an was er sich erinnern kann.“ Insgesamt gibt es auf Wettbewerben zehn Disziplinen, wobei es üblich ist, in allen anzutreten. „Es gibt das Memorieren von Wörtern, abstrakten Bildern und fiktiven Geschichtsdaten, vieles basiert aber auf Zahlen. Dabei gibt es lange und kurze Einprägzeiten, das Merken von vorgelesenen Zahlen und binären Zahlen, also Nullen und Einsen.“

Seine persönliche Vorliebe ist die Kategorie Namen und Gesichter. „Jeder kennt diese peinliche Situation: Man wird jemandem vorgestellt, er oder sie sagt seinen oder ihren Namen, und drei Minuten später hat man vergessen, wie sein Gesprächspartner heißt. Das können Sie verhindern. Eine einfache Wiederholung des Namens im Gespräch reicht unter Umständen schon aus, um ihn sich kurzzeitig zu merken.“ Zur längerfristigen Einprägung wendet Konrad wieder die bekannten Techniken an. Er verbildlicht den Namen, gibt noch eine Emotion dazu, und schon ist er gespeichert.

Neue Verbindungen zwischen den Zellen

Der aktive Sportler trainiert aber nicht nur den Geist. In seiner Freizeit pfeift er auch gerne Fußballspiele und misst sich im „Sport Stacking“, dem schnellen Becherstapeln, mit anderen Gleichgesinnten. Die von Konrad erklärten Techniken vereinfachen zwar das Lernen, ersparen jedoch nicht die Wiederholung und Vertiefung. Das erklärt der Neurowissenschaftler: „Im Gehirn bilden sich beim Lernen neue Verbindungen zwischen den Zellen. Diese können sich jedoch schnell wieder lösen. Wird das Gelernte aber wiederholt, am besten fünfmal in immer größer werdenden Zeitabständen, bleibt die Verbindung dauerhaft.“ Er kritisiert, dass in der Schule und an der Uni leider meist von diesem System abgewichen wird. „Es wird etwas Neues gelehrt und dann sind sechs Wochen Ferien. Das ist sehr ungünstig für den Lernerfolg.“

Die Mnemotechniken selbst verinnerlichen sich sehr schnell. Boris Konrad hörte von ihnen das erste Mal in 2002. Damals noch Schüler, trat er schon im Frühjahr 2003 bei seiner ersten deutschen Meisterschaft an und gewann eine Disziplin auf Anhieb. „Ich fand es verwunderlich, dass mir bis dahin niemand in der Schule verraten hatte, dass es so was gibt.“ Heute trainiert der Präsident von MemoryXL, dem größten Gedächtnissportverein der Welt, ungefähr eine halbe Stunde in der Woche, vor größeren Wettbewerben eine Stunde am Tag. Für die neuntgrößte Stadt Europas hat er sich übrigens folgendes Bild eingeprägt: „Ich stehe auf dem Eifelturm und küsse meinen Schatz.“ Um welche Stadt handelt es sich wohl hier?

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