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Erinnerung an den Holocaust : 400 Mappen, 400 Schicksale

  • -Aktualisiert am

Mühsame Spurensuche in alten Archiven Bild: AP

Seit 20 Jahren sammelt Cordula Kappner Informationen über die Opfer des Holocaust aus ihrer Region. Wie aktuell das Thema ist, zeigen die heftigen Reaktionen: Ihre Hauswand wurde beschmiert, ein Unbekannter schrieb ihr einen Hassbrief. Dennoch macht sie weiter.

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          „Buchführung des Todes" nannte Cordula Kappner ihre erste Ausstellung. Eine "dürftige Sammlung" von Material zu den Synagogen im Landkreis Haßberge, der westlich von Bamberg liegt, hatte ihr der Landrat geschickt. Drei Jahre später hatte sie diesen Grundstock so erweitert, dass sie ihre Ergebnisse zum ersten Mal präsentieren konnte. Im Laufe der Zeit gewann sie an Professionalität. In jedem Dorf des Haßbergkreises mit noch vor dem Zweiten Weltkrieg existierender jüdischer Gemeinde recherchierte sie, nahm Einsicht in Standesregister und Geburtsurkunden. Seit mehr als zwanzig Jahren widmet sie sich diesem Thema, hat Einheimische befragt, in Archiven gefahndet, Reisen unternommen, zudem noch alles aus eigener Tasche finanziert.

          Inmitten ihres mit Perserteppichen ausgelegten, von einem Bücherregal beherrschten Wohnzimmers sitzt die pensionierte Bibliothekarin, die weißen Haare hat sie zu einem Dutt gesteckt. Geboren wurde sie als Tochter eines evangelischen Pfarrers 1941 in Dresden. Da sie in ihrer Schulzeit Lehrer hatte, die von den Nazis deportiert worden waren, und Geschichtslehrer, die Nazis waren, hat sie sich schon früh für die Judenverfolgung interessiert. Ihr Abitur setzte sie aufs Spiel, nachdem sie die Kollektivierung der Landwirtschaft kritisiert hatte. Als die Familie in den Westen ausreisen durfte, besuchte sie 1962 die Büchereischule Hamburg. In Haßfurt wurde sie später Bibliotheksleiterin.

          Hilfe für Ausgewanderte

          Heute liegen in einem von ihr angelegten Archiv auf nur etwa zehn Quadratmetern in Regalen, Umzugskartons und Obstkisten Hunderte Mappen und Ordner, für jede jüdische Familie - deren Zahl sie auf 300 bis 400 schätzt - eine. Akribisch hat sie in ihnen Namen, Geburtsdaten, Kennnummern, Fotos und anderes aufbewahrt. Das erleichtert vielen Nachfahren von Deportierten die Suche nach ihren Wurzeln. Cordula Kappner hat schon viele Menschen, die in den Dreißigern und den Vierzigern ausgewandert waren, zu ihren Elternhäusern und Familiengräbern führen können.

          Einer von ihnen ist der 68 Jahre alte Joel Ackermann, der im August das Dorf, in dem er einen großen Teil seiner Jugend verbrachte, besuchte. Aidhausen im Landkreis Haßberge war der letzte Ort, an dem er Großeltern und Onkel sah. Seine Cousinen Bella und Lana, beide damals nicht älter als drei Jahre, wurden wie ihre Eltern auch im Vernichtungslager Sobibor vergast. Jahrzehnte später kehrte er zusammen mit seiner Frau in das Dorf zurück, aus dem seine Familie unter Beifall der Anwohner deportiert wurde. Ackermanns Vater war bereits einige Jahre zuvor in Aidhausen zu Besuch, schaffte es aber nicht, den Ortseingang zu übertreten, da ihn die Gefühle übermannten. Ähnlich ging es auch seinem Sohn, der zu Aidhausen eine zwiespältige Meinung hat: Einerseits leben dort Menschen, die ihnen unter Todesgefahr halfen. Andererseits leben dort noch immer die Nachkommen jener, die sie hassten.

          Politische Aufgabe

          Mit bisher insgesamt 37 Ausstellungen - für jedes Dorf mit jüdischer Bevölkerung eine - wollte sie das Tabu, das über das Thema herrschte, brechen. Kappner sieht ihre Arbeit als politische Aufgabe, nicht als heimatgeschichtliche Aufarbeitung. Jedes Jahr fährt sie für Recherchen und Besuche nach Israel. Natürlich hatte sie auch mit Widerstand zu kämpfen: Ihre Hauswand wurde mit einem Graffito beschmiert, ein Unbekannter schrieb ihr einen Hassbrief. "Danach fühlte ich mich angeekelt." Außerdem wurde ihr ein Davidstern auf die Motorhaube geritzt, mit dem sie trotzig wochenlang durch die Gegend fuhr. Trotz dieser Einschüchterungsversuche zeigt sie sich unbeeindruckt.

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