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Ergotherapie in der Heidelberger Uniklinik : Das Bällebad schult die Koordination

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Philip Waechter, Labor Frankfurt

Dieter Schumacher ist Ergotherapeut in der Heidelberger Uni-Kinderklinik. Er freut sich auch über kleinste Fortschritte seiner Patienten und ist oft in der Rolle eines Zuschauers.

          Aus dem Fenster eines Holzspielhauses schauen zwei neugierige Kindergesichter hervor. Ein dreijähriges Mädchen gluckst vor Freude in der Schaukel, während ein dunkelhaariger kleiner Junge vorsichtig die Spielzeugkiste mit den Duplo-Steinen inspiziert. Es ist kein Kindergarten, wir befinden uns in der großen Wartehalle im ersten Stock der Universitäts-Kinderklinik in Heidelberg. Hier warten Kinder mit ihren Eltern auf ihre Termine der dort angesiedelten Spezialambulanzen.

          Schaukeln und Spielkisten

          De Universitäts-Kinderklinik, ein zwölfstöckiges Gebäude aus den sechziger Jahren, bietet von seinem äußeren Erscheinungsbild wenig Einladendes für die kleinen Patienten. Umso erfreulicher ist das kindgerechte Ambiente mit bunten Schaukelgeräten und die verschiedenen Spiel- und Bücherkisten. Auch die Anmeldung zur Ergotherapie liegt im ersten Stock direkt beim Treppenaufgang dieser weiträumigen Wartehalle.

          Dieter Schumacher, der Ergotherapeut, holt dort seinen ersten kleinen Patienten und dessen Eltern ab. Gemeinsam fahren sie mit dem Aufzug in das Untergeschoss des Gebäudes. Hier durchläuft man ein unterirdisches Labyrinth aus langgezogenen, weiß getünchten Fluren. Den etwa fünfminütigen Gehweg bis zur Ergotherapie nutzt der achtundvierzigjährige, großgewachsene Therapeut, um sich einen ersten Eindruck von dem dreijährigen Tim und seinen Eltern zu machen.

          Keine Reizüberflutung

          Eine gläserne Eingangstür mit dem bunten Schriftzug „Ergotherapie“ lässt die Besucher wissen, dass sie angekommen sind. Schumacher bittet die Familie in eines der beiden Therapiezimmer. In dem angenehm temperierten Raum sorgen zwei große Oberlichtfenster für ausreichend Tageslicht. Harmonisch fügen sich die in Grün- und Orangetönen gestreiften Vorhänge in die zartgelb getünchten Wände ein. Links an der Wand auf den Regalen stehen nur vereinzelt Spielsachen. Der Raum ist bewusst nicht überladen, um eine Reizüberflutung zu vermeiden. Der Ergotherapeut versucht einfühlsam, Kontakt zu dem kleinen Tim herzustellen, der noch verängstigt auf dem Schoß seiner Mutter nach Sicherheit sucht.

          Dieter Schumacher kennt solche Situationen, da er weiß, welche Assoziationen das Krankenhaus bei vielen Kindern auslöst. „Nicht wenige Kinder, die hierherkommen, haben eine dicke Krankenakte und dementsprechend viele unangenehme Erfahrungen in der Klinik gemacht. Sie können anfangs nicht einschätzen, was auf sie zukommt.“ Lächelnd fährt der Therapeut im dunkelroten Poloshirt, das locker über die weiße Klinikhose fällt, fort: „Die meisten Patienten benötigen eine gewisse Anlaufzeit, bis sie merken, dass ich kein Arzt bin und wirklich nur mit ihnen spielen möchte.“

          Sauerstoffmangel von Gerburt an

          Seine Ausgeglichenheit und seine positive Ausstrahlung lassen erahnen, dass er leicht Kontakt zu den Kindern findet. Doch bei Tim ist heute eine Extraportion Einfühlungsvermögen gefragt. Seine introvertierte Art ist für jeden Therapeuten eine Herausforderung. Tim hat bei seiner Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten. Dies hatte eine spastische Lähmung der Beine zur Folge. Dass er jetzt mit Hilfsmitteln alleine laufen kann, ist ein großer Erfolg. Tim hatte Glück im Unglück. Seine Hände sind nur leicht betroffen, und seine geistigen Funktionen sind nicht beeinträchtigt.

          Tim wird noch viele Jahre Therapie benötigen, aber Dieter Schumacher ist zuversichtlich, dass er seinen Weg gehen wird. Die Eltern sind erleichtert. Man kann sehen, wie die Anspannung aus ihren Gesichtern weicht. Dieter Schumacher genießt solche Momente: „Nach jeder Untersuchung schaue ich in die hoffnungsvollen Gesichter der Eltern, die sich an jeden noch so kleinen Strohhalm klammern, wenn es um die Entwicklung ihrer Kinder geht“, sagt er mitfühlend. „Auch mir geht das Schicksal der Kinder immer noch zu Herzen. Zu Beginn meiner Arbeit in der Kinderklinik, vor mittlerweile zwanzig Jahren, war die Betroffenheit noch viel stärker. Wenn Kinder nach einem Reitunfall oder einem Ertrinkungsunfall im Teich für immer geistige beziehungsweise körperliche Behinderungen davontragen, nimmt mich das immer noch sehr mit. Aber ich habe mittlerweile gelernt, diese Schicksale mit dem nötigen Abstand zu betrachten.“

          Entwicklungsneurologische Ambulanz

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