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Die erste Diskothek : Made in Germany

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Bild: Andrea Koopmann

Statt Türsteher prüfte ein Portier Krawatte und Petticoat. Vor 50 Jahren gab es in Aachen die erste Diskothek, in der Platten aufgelegt wurden.

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          Schlange, Türsteher, Ausweischeck und los. Ein ähnliches Szenario wie vor dem Betreten eines angesagten Clubs spielte sich vor mehr als 50 Jahren vor dem Scotch Club Aachen ab. 1959 bugsierte man sich durch eine wesentlich kürzere Schlange und stellte sich der strickten Kleiderkontrolle des Portiers, der statt der Personalien Krawatte und Petticoat prüfte. Während heute sogar in Spielcasinos die Kleiderordnung zunehmend lockerer wird, konnte man sich damals bei nicht entsprechender Robe gleich wieder auf den Heimweg machen. Auch Udo Lindenberg und Frank Elstner mussten gehen, da ihnen ohne Krawatte der Eintritt verwehrt wurde, wie der erste Discjockey Heinrich mit einem Lachen berichtet.

          1941, 18 Jahre vor der Geburtsstunde der Diskothek, erblickt DJ Heinrich alias Klaus Quirini das Licht der Welt. Der, wie man in Aachener Mundart sagen würde, "Öcher Jong", also Aachener Junge, besuchte das Einhard-Gymnasium, wo man ihm seine Linkshändigkeit gemäß der damals konventionellen, autoritären Methoden austreiben wollte. Der Wechsel auf die Montessori-Schule ermöglicht Quirini ein unbefangenes Schreiben mit links und erwies sich als prägend für seine Schuljahre. "Sie hat mir das Leben gerettet", sagt er, und in seiner Stimme liegt eine bedeutende Schwere, während sein Blick zu einem Bild Maria Montessoris wandert, das erhöht und gut sichtbar im Eingangsraum seines Wohnhauses im Aachener Stadtteil Brand plaziert ist.

          In Quirinis Ausbildung folgt der Besuch einer Kaufmännischen Handelsschule und die Lehre in einem Pressebetrieb, die ihn zu dem machen, was er ganz zu Beginn war: Journalist. Ein Mann, der weiß, wie man schreibt und wie man spricht, um Menschen gut zu unterhalten, was er bis heute nicht abgelegt hat. Diese Fertigkeit kam ihm auch im Scotch Club zugute.

          Dieses Lokal am Dahmengraben 16 in Aachen genügte als Speiselokal nicht den Anforderungen des gehobenen Publikums. Daher setzte der österreichische Besitzer Franzkarl Schwendiger auf Musik. Die Problematik der üblicherweise in der Gastronomie zur Unterhaltung engagierten Live-Bands, so sagt Quirini, sei gewesen, dass immer wieder einzelne Musiker ausfielen und ein Zusammenspiel nicht mehr möglich gewesen sei. Ganz abgesehen davon, dass eine Band sehr viel kostete. So entstand die Idee, Schallplatten einzusetzen, die zunächst von einem Opernsänger aus Köln aufgelegt wurden. Der Sänger scheiterte jedoch. "Ihm gelang es einfach nicht, den gewissen Schwung in die tote Musik zu bringen." Für frischen Wind sorgte dann bei der Eröffnung der Jungjournalist Klaus Quirini mit seiner ersten Moderation: "Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen." Im Rückblick sagt Quirini, dass das der Durchbruch gewesen sei.

          Die Jockey-Tanz-Bar war gegründet. Zwar gab es schon Discjockeys im Radio, aber direkt neben der Tanzfläche war Klaus Quirini der erste. Der schmale, 65 Kilo leichte und 1,90 Meter große Mann stand an einem gewaltigen Schweizer Plattenspieler und hielt mit einem Shure-Mikrofon den Stimmungspegel. Wenn er sang, wenn er sprang, dann sang und sprang das Publikum mit ihm. Seine Laune riss den ganzen Saal mit. Dieser Einsatz zahlte sich auch finanziell aus. "Ich verdiente 800 Mark im Monat", sagt Quirini und gibt zu verstehen: "Das war eine Menge Geld damals."

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