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Demenz : Musik gegen die Isolation

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Axel Rüdiger übt Singen mit Demenzkranken. Mit erstaunlichem Erfolg, denn Liedtexte sind plötzlich wieder präsent.

          Es ist ein anstrengender Beruf, der mir aber viel Freude macht“, sagt Axel Rüdiger, bevor er den Raum betritt, in dem zwölf alte Menschen auf ihn warten. Axel Rüdiger ist Musiklehrer, der seit 16 Jahren auch als Musiktherapeut in geriatrischen Krankenhäusern und Altenheimen in Nordhessen arbeitet. Er hat sich unter anderem auf die Therapie von Demenzerkrankungen spezialisiert. „Das Schlimmste an der Demenz ist die soziale Isolation“, sagt Axel Rüdiger. „Genau dabei will ich den Leuten helfen. Durch das gemeinsame Singen haben die Menschen wieder ein Gruppenerlebnis und sozialen Kontakt.“ Axel Rüdiger geht dabei seinen eigenen Weg: „Ich habe mich gefragt, wie ich als Teilnehmer an einer solchen Therapie es gerne hätte, und kam zu dem Schluss, dass ich mich mit der Musik identifizieren muss. So kam ich auf die Idee, mit den Patienten Volkslieder zu singen, da sie diese in einer frühen Lebensphase gelernt haben.“

          Apathisch und gelangweilt

          Die Sonne durchflutet den Raum im Altenheim Renthof in Kassel. Zwölf Bewohner sitzen auf Stühlen oder in Rollstühlen im Kreis zusammen. Sie sind zwischen 75 und 93 Jahre alt. Ihre Demenzerkrankung ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Die Atmosphäre im Raum ist bedrückend. Die Menschen wirken apathisch und gelangweilt. Unterhaltungen finden nicht statt. Eine Frau nimmt fortwährend ihr Gebiss aus dem Mund und setzt es sich wieder ein. Auch die Ehefrau eines gar nicht so alt wirkenden Mannes ist zu Besuch. Eine Altenpflegerin ist ebenfalls anwesend.

          Axel Rüdiger tauscht sich zunächst kurz mit der Pflegerin über das momentane Befinden der Teilnehmer aus. „Für mich ist es wichtig, immer jemanden dabeizuhaben, der die alten Leute schon den ganzen Tag erlebt hat und mich im Vorfeld auf eventuelle Schwierigkeiten hinweist. Denn Demenzkranke reagieren oft unerwartet auf die Musik. Plötzliche Gefühlsausbrüche können von Heulkrämpfen bis hin zu Aggressionen reichen.“

          Melodien ihrer Kindheit sind abrufbar

          Nachdem er diese Dinge kurz mit der Pflegerin geklärt hat, geht es dann aber auch schon los. Axel Rüdiger packt seine Zither aus, stimmt das Instrument und zupft ein paar Akkorde. Er stellt so einen ersten Kontakt mit seinem „Publikum“ her, das oft nicht mehr durch verbale Ansprache zu erreichen ist. Er weiß, dass viele Demenzkranke ein Lied schon nach den ersten Tönen erkennen werden. „Es ist sehr erstaunlich. Viele vergessen die Namen ihrer Angehörigen oder können sich an ihr früheres Leben kaum oder gar nicht mehr erinnern. Dafür sind aber Melodien und Liedtexte aus ihrer Kindheit und Jugend noch vollkommen präsent und abrufbar.“

          So ist es dann auch. Als er anfängt zu spielen und die Ersten die Melodie von „Alle Vögel sind schon da“ erkennen, fangen sie an mitzusingen oder melodisch im Takt zu wippen. „Die Reaktionen sind oft sogar noch heftiger“, sagt Axel Rüdiger. „Manchmal fangen sie an zu tanzen, obwohl sie kaum noch laufen können.“ Sein heutiges Repertoire reicht von „Der Mai ist gekommen“, „Wenn alle Brünnlein fließen“ bis hin zu deutschen Schlagern wie „Veronika, der Lenz ist da“ und „Tulpen aus Amsterdam“. Als Axel Rüdiger dieses Lied anspielt, bricht das Eis endgültig. Die Wirkung der Musik ist nicht mehr zu übersehen. Die alten Menschen sind wie ausgewechselt. Sie fangen an zu reden und auch ein bisschen über sich zu erzählen. Eine Frau nennt ihren Namen und erzählt, wie es ihr geht. Eine ehemalige Konzertsängerin, die seit drei Jahren im Renthof lebt, sagt: „Das Gefühl für Musik ist eine der wichtigsten Gaben, die der Mensch hat.“ Diesen Satz wiederholt sie mehrfach in den nächsten Minuten.

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