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Demenz : Gemeinsam gegen das große Vergessen

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Die Arbeit auf der Demenzabteilung erfordert von Sandra Geduld und Nervenstärke. Dennoch verbringt die 17-Jährige ihren Arbeitstag gerne mit den verwirrten, alten Patienten.

          4 Min.

          In dem gemütlichen, einfach eingerichteten Raum mit großer Fensterfront und gelb gestrichenen Wänden stehen einige Tische und mehrere Pflanzen in großen, weißen Töpfen. Am ersten Tisch, auf dem ein bunter Blumenstrauß steht, isst eine alte Frau mit freundlichem Gesicht und weißem vollem Haar zu Abend. Neben ihr sitzt Sandra Hertz, ihre Pflegerin. Sandra ist siebzehn Jahre alt und im zweiten Lehrjahr zur Fachangestellten Gesundheit. "Noch etwas mehr Lasagne?", fragt Sandra ihre Patientin. Doch die alte Frau schaut sie an und fragt etwas hilflos: "Was ist denn Lasagne?" Seit ungefähr einem halben Jahr arbeitet Sandra auf der Demenzabteilung im Altersheim Büel in Baar, etwa 30 Kilometer südlich von Zürich. An solche Situationen ist die schlanke, blonde junge Frau mit den blauen Augen bereits gewöhnt. Mit viel Geduld erklärt sie der alten Dame, dass sie gerade daran sei, Lasagne zu essen, und zeigt mit der Gabel auf den Teller.

          Sandra erklärt, bei dieser Patientin handle es sich um ein fortgeschrittenes Stadium, aber zum Glück sei die Frau noch nicht bettlägerig und könne mit viel Hilfe des Pflegepersonals ihren Alltag bewältigen. Das Abendessen ist aufgegessen, und Sandra erklärt der Patientin, sie solle in ihr Zimmer vorgehen, sie selbst werde in ein paar Minuten nachkommen. Langsam und leise vor sich her murmelnd macht sich die Greisin auf den Weg.

          Währenddessen stellt Sandra das zurückgebliebene Geschirr, das die Patienten nicht selbst zum Abwasch gebracht haben, zusammen und trägt es in die Küche. Nachdem sie die Tische gesäubert und für das Frühstück vorbereitet hat, ist es höchste Zeit, ihre Patienten für die Nacht fertigzumachen. Mit großen Schritten geht sie in Richtung Demenzabteilung. Doch auf halbem Weg trifft sie, vor einem Fenster stehend, die Dame, der sie zuvor beim Essen geholfen hat. Als sie Sandra sieht, fragt sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck, wo sie sei. Sandra antwortet, sie sei im Alters- und Pflegeheim und müsse jetzt in ihr Zimmer, um schlafen zu gehen. "Was, im Heim?", fragt die Patientin erschrocken, "warum hat mir denn keiner was davon gesagt?" Sandra gibt sich Mühe, geduldig zu antworten und die Dame zu beruhigen.

          Schließlich haben die beiden Zimmer Nummer 044 erreicht und treten ein. Im Zimmer stehen ein Bett, ein Einbauschrank, ein kleiner Tisch mit einem bequemen Stuhl, an der Wand gegenüber vom Bett hängt ein großes Bild einer grauen Katze. Auf dem Tisch stehen drei umgekippte Bilderrahmen mit Fotos. Sandra ist gerade dabei, sie wieder aufzustellen, als die Patientin lautstark reklamiert, sie soll sie ja nicht anfassen und mit dem Bild nach unten liegen lassen. In der Nacht, wenn es dunkel sei, würden sie die Gesichter mit riesigen Augen ansehen und ihre Handtasche stehlen wollen, erklärt sie überzeugt. Die einzige Möglichkeit, sich zu wehren, sei, sie umzukippen, bevor es dunkel werde. Sandra nickt nur und lässt die Bilderrahmen liegen. Sandra muss noch andere Patienten für die Nacht bereitmachen und fordert die Frau auf, die Zähne zu putzen.

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