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Arzt aus Äthiopien : Das Stipendium hat ihn vor dem Krieg gerettet

  • -Aktualisiert am

Bild: Monika Aichele

Sechs Jahre hat der Arzt aus Äthiopien in Deutschland als Pfleger gearbeitet. Dann wurde er Teilhaber einer Praxis. Eine Begegnung am Weihnachtsabend.

          3 Min.

          Als ich mein Zuhause verließ, war ich traurig, meine Freunde und Familie zurückzulassen.“ Almaz Hawi ruht erinnernd auf einem dunkelgrauen Sofa. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name abgedruckt wird, da er in einer Kleinstadt südlich von Frankfurt am Main lebt und arbeitet. Von oben schallt die Frank-Sinatra-Weihnachtsplaylist herunter, die seine Tochter ausgesucht hat: „I’ll Be Home For Christmas“. Die Musik ist laut, allerdings nicht laut genug, um das Lachen seines Sohnes und seines Neffen zu übertönen, die sich gerade über eine Komödie amüsieren. Es ist Heiligabend. Almaz ist mit blauem Pullover, schwarzer Jogginghose und plüschigen Hausschuhen gekleidet. Der 55-jährige Allgemeinmediziner besitzt eine eigene Praxis. Geboren und aufgewachsen ist er in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Die Weihnachtsbeleuchtung strahlt im einheitlichen Takt abwechselnd rotes, grünes und weißes Licht auf sein Gesicht. „Als mein Vater noch lebte, arbeitete er bei Äthiopien-Airline, wodurch ich sogar in eine katholische Privatschule gehen konnte“, sagt der Vater von zwei Kindern. Der Geruch des üppigen Weihnachtsessens hängt im ganzen Haus. Dabei habe es auch magere Zeiten gegeben. „Meine Mutter konnte nicht arbeiten, da sie sich irgendwann allein um all die Kinder kümmerte, meine älteren Geschwister sorgten für uns.“ Nach der Privatschule ging es für ihn in die Oberstufe, die für jeden in Äthiopien bis zur zwölften Klasse vom Staat finanziert wird. Seine Leistungen in der Schule haben aber nicht unter den einfachen Verhältnissen gelitten, vielmehr sei das Problem gewesen, dass die Schulen auch mit einfachen Verhältnissen klarkommen mussten. „Da die Schule nicht genug Geld für die Bücher hatte, gingen alle Schüler zur Bücherei, es war immer so eine lange Schlange.“ Almaz Hawi fängt an zu kichern und trommelt leicht auf seine Knie.

          Diese Ärzte waren seine Vorbilder

          Trotz all der Widrigkeiten bewältigte er seinen Abschluss und erhielt ein Stipendium von der Comenius-Universität in der damaligen Tschechoslowakei. Da es ebenfalls ein kommunistischer Staat war, war das eine der wenigen Optionen, seiner Situation zu entkommen. Im Ausland wollte er schon immer studieren, und zwar Medizin. „Wir lebten in der Nähe von einem großen Krankenhaus, die Ärzte dort waren meine Vorbilder“, sagt der Mann mit einem Strahlen, als sei er wieder ein Kind. „Mein Vater wurde auch oft krank, da fing ich an, mich mehr mit Medizin zu beschäftigen.“ Wegen seines Traumes und der politischen Situation im Heimatland entschied Almaz Hawi sich 1981, sein Heimatland zu verlassen, mitten im äthiopischen Bürgerkrieg, der von 1974 bis 1991 anhielt. „Christmas Dreaming“ von Frank Sinatra neigt sich dem Ende zu, „Light A Candle In The Chapel“ beginnt. Die Batterien der Weihnachtsbeleuchtung sind leer, die einzige Lichtquelle jetzt ist die Lampe an der Decke. „Europa kannte ich immer nur vom Fernseher, das erste Mal hier war ich sehr beeindruckt“, sagt er mit großen Augen, während er leicht mit seinem Kopf nickt und grinst. Während des Studiums habe er dann seine zukünftige Ehefrau getroffen, die der Situation in Äthiopien ebenfalls mit Hilfe eines Stipendiums entkommen sei. Sein Grinsen wird zu einem Lächeln.

          Hunderttausende kamen ums Leben

          Mit einer Promotion in der Tasche machte Almaz sich 1988 auf nach Äthiopien, um seiner Tätigkeit als Arzt nachzugehen. Vieles hatte sich geändert. Eine Folge des eritreischen Unabhängigkeitskriegs war die Abspaltung der ehemaligen Provinz Eritrea von Äthiopien. Hunderttausende kamen während des Krieges ums Leben. „Leute, die ich gekannt habe, sind im Krieg gestorben, das Stipendium hatte mich gerettet“, sagt der Arzt bedrückt. Hawi blieb allerdings nur drei Jahre. Er verließ Äthiopien im Winter 1991 und ging zurück zu seiner Frau in die Tschechoslowakei. Von dort aus zogen beide im selben Jahr nach Deutschland in die Kleinstadt Fürstenwalde. Er wollte dort eine Weiterbildung machen und dann nach Amerika zu seinen Verwandten gehen. „In Deutschland war die Stimmung negativer“, berichtet er fast schon schulterzuckend, „abends trauten wir uns nicht in die Stadt.“ Nach der Geburt seiner Tochter machte er sich an die Ausbildung zum Krankenpfleger. „Damals hab ich noch Glücksrad geguckt, um Deutsch zu lernen“, erzählt er mit einem breiten Grinsen. Das Lächeln verschwindet langsam. „Trotzdem war es nervig, dass ich als Doktor mit drei Jahren Berufserfahrung wieder als Pfleger anfangen musste. Und einen Job fand ich auch nicht, geschweige denn eine Wohnung.“ Als Arzt konnte er noch nicht arbeiten, da er auf die Entscheidung über seinen Asylantrag warten musste. Das blieb allerdings nicht lange so. „Ein Freund, mit dem ich studiert habe, hat mich dann seinem Chef im Pflegeheim empfohlen“, sagt er. Als Pflegehelfer brauchte er keine Aufenthaltsgenehmigung. „Als ich meinen Job als Pfleger bekam, empfahl mir eine Mitarbeiterin eine leere Wohnung in der Nähe.“ Er fängt an leicht mit dem Kopf zu nicken und noch leichter zu lächeln. „Job und Wohnung am selben Tag.“

          Die Frank-Sinatra-Playlist und die Komödie sind zu Ende, die einzigen Geräusche sind jetzt noch die Stimmen der Verwandten. Ein Jahr später sei sein Sohn zur Welt gekommen, dessen Schritte man von oben hört. Insgesamt sechs Jahre hat Hawi als Pfleger gearbeitet, bevor er das Angebot bekam, Teilhaber in einer Praxis zu werden. „Es war schwierig, natürlich. Aber ich bin froh, dass ich das Beste aus meiner Lage gemacht habe“. Im Haus werden die Geräusche lauter, Almaz Hawis Kinder und sein Neffe spielen „Bobo hat gemogelt.“ Almaz lächelt: „Das ist mein Zuhause.“

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