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Analphabetin : Leben ohne Lesen

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Martina ist funktionale Analphabetin. Nach vielen Jahren ohne Lesen und Schreiben geht die Berlinerin wieder zur Schule und hat sich viel vorgenommen.

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          Ich habe auch schon behauptet, meine Brille vergessen zu haben, nur um nichts ausfüllen zu müssen“, sagt Martina. Die Berlinerin ist eine von rund 6,2 Millionen deutschen Erwachsenen, die große Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Die 54-Jährige zählt zur Gruppe der sogenannten funktionalen Analphabeten. Nach Definition des Förderprogramms „alphabund“, was für „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ steht, sind dies all jene Menschen, deren Fähigkeiten im Schreiben und sinnverstehenden Lesen nicht genügen, um die Anforderungen des alltäglichen Lebens zu bewältigen. Mit rund 58 Prozent sind funktionale Analphabeten überwiegend männlich. Der größte Teil der Betroffenen ist älter als 45 Jahre. Die Ursachen für eine solche schriftsprachliche Schwäche sind unterschiedlich. Martina geht davon aus, dass eine Gehirnhautentzündung im Alter von 16 Monaten Grund für ihren Analphabetismus ist. Sie habe danach alles, was sie schon konnte, neu erlernen müssen und sei seitdem ein langsam und mühevoll lernendes Kind gewesen. Aufgewachsen ist sie mit ihrer Schwester in normalen Familienverhältnissen in Berlin-Moabit. „Durch die erste Klasse hat mein Lehrer mich noch versucht durchzuziehen.“ Nachdem die Wiederholung der Klasse nicht zu einer Verbesserung ihrer Kompetenzen geführt hatte, wurde sie auf eine Sonderschule geschickt. Diese war auf Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwächen spezialisiert. Es wurde ausschließlich Deutsch und Mathematik unterrichtet. Die Sonderschule besuchte sie bis einschließlich der 10. Klasse, allerdings ohne sich ihrer enormen Defizite wirklich bewusst zu sein. Einen Abschluss machte sie dort nicht.

          Arbeitslosigkeit und eine große Verantwortung

          Laut der Studie „LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität“ haben mehr als 22 Prozent der Betroffenen keinen Schulabschluss. Auf die Schulzeit folgten einige Jahre der Arbeitslosigkeit, in denen sich Martina ihres Problems stärker bewusst wurde. Sie vermied es, anderen von ihrer Beeinträchtigung zu erzählen. Ihr Vater versuchte ihr zu helfen: „Beim Arbeitsamt ist er dann aber auch gegen eine Wand gerannt.“ Es habe keine Angebote für Erwachsene gegeben, um Lesen und Schreiben zu lernen. Durch das Arbeitsamt kam sie für ein Jahr an eine Stelle als Näherin, da sie das genau wie Kochen gerne mag. Es folgten meist befristete Stellen als Köchin oder Näherin, unterbrochen durch Arbeitslosigkeit und die Geburt ihrer Tochter. Dies bedeutete eine enorme Verantwortung für die 25-jährige, alleinerziehende Mutter. Erst zwölf Jahre später fand sie eine neue Tätigkeit als Näherin. Nach Aufforderung ihrer Sozialarbeiterin beschloss Martina schließlich, wieder zur Schule zu gehen. Seit zwei Jahren besucht sie nun Lesen und Schreiben e.V., eine von mehreren Anlaufstellen in Berlin für Alphabetisierung und Grundbildung bei Erwachsenen. Damit gehört sie zu den lediglich 0,7 Prozent der funktionalen Analphabeten, die laut Studie eine Weiterbildung in diesem Bereich in Anspruch nehmen. Spaß habe es ihr am Anfang nicht gemacht, die Schulbank zu drücken und wieder Deutsch- und Matheunterricht zu haben. Nachdem sich die ersten Erfolge gezeigt hatten, habe sie aber immer mehr Freude am Lernen gefunden.

          Schulungen für Menschen, die helfen sollen

          Durch eine Bekannte erfuhr Martina vom Grundbildungszentrum (GBZ) in Berlin-Wilmersdorf. Dort gibt es einmal im Monat das Komm-Café, bei dem sich Erwachsene, die Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben, austauschen können. Zusätzlich gibt es Schulungen für Menschen, die im Arbeitsleben mit Analphabeten in Kontakt sind, wie Angestellte der Jobcenter. Betroffene beantworten Fragen, damit ihnen zukünftig mehr Verständnis entgegengebracht wird und sie anhand ihrer Ausweichstrategien schneller entdeckt werden. Auch Martinas Tochter hat ein ausgeprägtes Problem im Lesen und Schreiben. „Als es hieß, meine Tochter müsse genau wie ich auf die Sonderschule, bin ich erst mal zusammengebrochen und habe mich dagegengestellt“, berichtet sie erzürnt. Verhindern konnte sie das nicht. Nach Angaben des Netzwerks Ostthüringen für Alphabetisierung ist Analphabetismus vererbbar: nicht genetisch, sondern sozial. Mangelnde Kommunikation und ein fehlendes Gefühl für die Wichtigkeit von Schrift und Sprache im Alltag würden das Erlernen enorm erschweren. An Kommunikation mangelte es Martina keineswegs. „Ich habe mir zu den Bildern in Kinderbüchern immer Geschichten ausgedacht.“ Das Vorlesen war jedoch unmöglich. Eine weitere Herausforderung stellt für sie die Orientierung in der Stadt dar. „Ich bin meistens nur da, wo ich mich gut auskenne.“ Straßennamen oder die Namen von U-Bahn-Stationen zu lesen und einzuordnen falle ihr oft schwer. Zusätzliche Barrieren stellen Smartphone und Computer für sie dar. Seit sie wieder zur Schule gehe, sei der Gebrauch deutlich leichter für sie. Fließend lesen kann sie jedoch noch nicht. Sich das Problem einzugestehen und sich ihm durch Disziplin zu stellen war für sie eine wichtige Entscheidung. Ihr Ziel ist es, sich in den nächsten Jahren deutlich zu verbessern, besonders im Lesen. Die Treffen im GBZ geben ihr Sicherheit und ermöglichen Austausch. „Das Beste für Analphabeten ist es, sich Hilfe zu suchen und sich auf diese einzulassen.“ Leider gebe es viel zu wenig und nur schwer zugängliche Angebote. „Die finde ich im Internet. Aber ich kann die doch nicht richtig lesen.“ Martina wünscht sich, dass das Thema enttabuisiert wird. Dann hätte auch sie früher angefangen, Lesen und Schreiben zu lernen.

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