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Als Ärztin in Israel : Demütigende Prozeduren

  • -Aktualisiert am

Katja Schemionek ist Ärztin in Jerusalem und arbeitet für das Westbank- und Gaza-Büro der Weltgesundheitsorganisation. Gewalt ist ständig präsent.

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          Über Skype entsteht der erste Kontakt. In ihrem Büro in Jerusalem sitzt Katja Schemionek und berichtet von ihrer Arbeit, die so viel mehr ist als ein normaler Job. Es ist früh am Abend, im Hintergrund wird gearbeitet. Tastaturklappern und leise Telefongespräche schwingen durch die Leitung. Auf Bildern erscheint die 48 Jahre alte Frau aus Wetzlar sportlich und nachdenklich. Sie spricht ruhig und klar. Seit drei Jahren arbeitet die Ärztin nun für das Westbank- und Gaza-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Jerusalem. Davor wurde sie von der WHO unter anderem im Irak und in Mali eingesetzt. Die Fortsetzung ihres vierjährigen Einsatzes in Afghanistan hätte eine zunehmende Gefahr für sie und ihre Familie bedeutet. Jerusalem bietet mehr Sicherheit und alle Möglichkeiten der medizinischen Versorgung sowie der Schulausbildung, die für die zweifache Mutter eine Priorität darstellt.

          Koordinierung humanitärer Hilfe

          Während die Versorgung in Israel gut ist, steht sie den Bewohnern der Westbank und des Gazastreifens nicht zur Verfügung. Als stellvertretende Büroleiterin befasst sich Katja Schemionek neben organisatorischen Aufgaben mit der Qualitätsverbesserung in den sechs palästinensisch geführten Krankenhäusern in Ostjerusalem. Seit der Annektierung durch Israel gilt dort israelisches Recht: Die Krankenhäuser müssen israelischen Standards genügen, falls nicht, droht ihre Schließung. „Daher hat dieses Projekt eine außerordentlich politische Dimension. Wenn eine internationale Akkreditierung der Krankenhäuser gelänge, wären diese gegen politische und fachliche Anfechtungen erst mal geschützt.“ Auf die Frage nach der prägendsten Begegnung erinnert sie sich an Situationen im Zusammenhang mit der Bombardierung des Gazastreifens nach Weihnachten 2008: „Ich befand mich im Weihnachtsurlaub in Deutschland. Ich brach dann meinen Urlaub ab, um nach Jerusalem zurückzureisen und die viele Arbeit anzugehen, aber auch, um bei meinen palästinensischen Kollegen und Freunden zu sein.“ Sie begann von Jerusalem aus mit der Koordinierung der humanitären Hilfe.

          Ein tragisches Einzelschicksal

          Viele individuelle Schicksale verbindet sie mit dieser Zeit. „Das Viertel meiner Kollegin wurde nachts bombardiert. Sie erzählte mir, dass sie alles daransetzte, ihren Kindern gegenüber keine Angst zu zeigen.“ Bei der Bombardierung wurden die Häuser vieler Nachbarn getroffen und zertrümmert. Die Kollegin zog daraufhin zu Verwandten in der Nähe der ägyptischen Grenze und fand später eine Stelle bei der WHO in Ägypten. „Sie sagte, dass das Leben in Gaza keine Hoffnung habe und sie nicht erneut in eine Situation des völligen Ausgeliefertseins geraten wolle, in der sie nur auf den Zufall hoffen könne, nicht umzukommen.“ In Gaza zurücklassen musste sie allerdings ihren Vater, der sich weigerte sein Haus zu verlassen. Ein weiteres tragisches Einzelschicksal ist das des palästinensischen Büroleiters. Der siebenfache Familienvater, den sie als „immer humorvoll und tatkräftig erlebt“ habe, war der Einzige, der das Büro in Gaza während des israelischen Angriffs am Laufen hielt. „Es gab nur einen Tag, an dem seine Stimme fast nicht hörbar und seine Zuversicht verflogen war“, erinnert sie sich. „Er hatte Angehörige aufgesucht, die von israelischen Soldaten mit gefesselten Händen in ein Haus getrieben worden waren, das dann bombardiert wurde. Etliche kamen um, viele wurden verletzt, blieben neben ihren toten Verwandten liegen, trauten sich nicht, das Haus zu verlassen, Telefonverbindungen gab es nicht mehr. Erst Tage später wurden Ambulanzen endlich durchgelassen und fanden tote Kinder, Frauen und Männer neben ihren erschöpften überlebenden Verwandten vor.“

          Viele Spezialbehandlungen gibt es nicht mehr

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