https://www.faz.net/-guy-12tpd

Alltag eines Rückführers : Eine Frage der Moral

  • -Aktualisiert am

Bild: Moni Port, Labor Frankfurt

Jährlich mehrmals auf Kosten des Staates an die unterschiedlichsten Orte dieser Welt zu gelangen, klingt verlockend. Der Beruf des Rückführers bei der Bundespolizei bringt aber große Verantwortung mit sich. Schließlich geht es um das Schicksal von Menschen.

          5 Min.

          Der 43-jährige Joachim Trümner arbeitet seit 15 Jahren als Rückführer bei der Bundespolizei. „Die Rückführer sind eine Art Spezialeinheit, die sich mit ausreisepflichtigen Ausländern beschäftigt“, erklärt Trümner seine Aufgabe. Seine Frau ist ebenfalls Beamtin und arbeitet bei der Kriminalpolizei.

          „Trotz der außergewöhnlichen Berufskombination und einiger Schichtarbeiten bleibt ausreichend Zeit für unseren sechsjährigen Sohn“, sagt Trümner, der mit seiner Familie im kleinen Ort namens Gilbersberg im Schwalm-Eder-Kreis lebt und täglich zwei Stunden zum Frankfurter Flughafen hin und zurück fahren muss. 50 Mann kümmern sich am Frankfurter Flughafen um die Organisation und Durchführung der Rückführungen. Jährlich werden alleine dort rund 4000 Abschiebungen getätigt, die anfallen, wenn der Asylantrag eines Ausländers abgelehnt wird oder die Ausländerbehörde einer Person die Ausreisepflicht auferlegt.

          Zur Festnahme ausgeschrieben

          Sobald eine solche für jemanden festgelegt wurde, wird diese Person zur Festnahme ausgeschrieben und schnellstmöglich in sein Heimatland abgeschoben. Früher waren es hauptsächlich illegale Einwanderer aus den Ostblockstaaten Rumänien und Bulgarien, die mittlerweile jedoch zur EU zählen und somit die Niederlassungsfreiheit in Europa haben. „Die heutigen Hauptabschiebeländern sind Schwarzafrika, Algerien, Marokko, Nigeria sowie die westafrikanischen Länder und immer noch die Türkei.“ In manchen Fällen kann es zu Großabschiebungen kommen, bei denen bis zu 100 Leute auf einmal abgeschoben werden. „In der Regel ist eine Rückführung kein großer Akt“, sagt Trümner, jedoch gebe es wie überall „vereinzelte Ausnahmen. Zwei Drittel sehen ihre Chancenlosigkeit spätestens dann ein, wenn sie von uns begleitet werden, jedoch verbleiben immer noch ein paar, die sich einer Rückführung mit aller Macht widersetzen wollen.“

          Dabei entsteht ein weiteres Problem, da die Rückführungen gewöhnlich mit Linienfliegern stattfinden. Wenn eine Person schreit, muss deren Rückführung abgebrochen werden, da der Kapitän dies seinen übrigen Fluggästen nicht zumuten kann. Bei mehrmaligem Fehlschlagen der Ausreise kann es sogar so weit kommen, dass ein Charterflug für mehrere zehntausend Euro gemietet werden muss, wobei es aufgrund der hohen Kosten vereinzelt auch zu einem Aussetzen des Verfahrens kommen kann. Diese Entscheidung liegt dann im Ermessen des Bundeslandes. In manchen Fällen werden Leute „zum fünften oder sechsten Mal“ abgeschoben, aber solange sie kein Verbrechen begehen, bekommen sie kein Einreiseverbot.

          Ohnmächtig zusammengesackt

          Der Abschiebevorgang bringt für den Rückführer große Verantwortung mit sich, da es Ziel des Rückführers sein muss, dass die Person wohlbehalten im Zielland ankommt. Trotz eines dreiwöchigen Lehrgangs, der an die normale Polizeiausbildung anknüpft, kam es in vergangenen Jahren schon zu Todesfällen. Vor fünf Jahren sollten drei Kollegen Trümners einen Schwarzafrikaner während des Rückfluges begleiten. Dieser war hochaggressiv und flugunwillig, so dass er sich laut schreiend mit aller Kraft wehrte. „Der Vorgang des körperlichen Wehrens und gleichzeitigen Schreiens ist eine Höchstanstrengung“, erklärt Trümner und sagt, dass seine damaligen Kollegen den Schwarzafrikaner mit aller Kraft in den Sitz drücken mussten. Das Runterdrücken sorgte dafür, dass die Atmung des Afrikaners eingeschränkt wurde, weshalb er sich noch heftiger wehrte. Die stärkere Gegenwehr ließ die Kollegen Trümners den Afrikaner noch fester in den Sitz drücken, bis dieser plötzlich ohnmächtig in sich zusammensackte.

          „Trotz Ärzten an Bord hatte der Afrikaner keine Chance zu überleben, da die Höchstanstrengung das Phänomen eines sofortigen Herzstillstands hervorrief. Beim heutigen Stand der Kenntnisse wären die Kollegen Trümners ins Gefängnis gekommen, jedoch war ihr Handeln „damals gängige Lehrmeinung, und sie kamen mit einer Geldstrafe und ohne Suspendierung davon“. Ähnliche Fälle hätten sich auch schon in der Schweiz, Frankreich oder in Holland ereigne und seien nie vollends zu vermeiden, wenn ein Ausländer eine unbekannte Herzkrankheit oder Ähnliches in sich trägt und sich dann aufgrund von Gegenwehr überanstrengt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.