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Jugend schreibt : Wände streichen zaubert ein Lächeln auf die Gesichter

  • -Aktualisiert am

Die andere Seite Portos Bild: AFP

In Portugal renovieren Studenten in Feriencamps marode Häuser und kämpfen gegen Armut. Die Objekte werden zuvor gründlich geprüft. Aus gutem Grund.

          3 Min.

          Wir glauben an eine Welt, in der Wohnungsarmut ein Kapitel der Geschichtsbücher ist“ lautet einer der Sprüche des Non-Profit-Vereins „Just a Change“ mit Sitz in der Hauptstadt Portugals. Sowohl in Lissabon wie auch in Porto wird das Projekt durch Freiwillige unterstützt. „Freiwillige haben nicht unbedingt Zeit, aber sie haben Herz“, erklärt Elizabeth Andrew, eine Anthropologin, die sich als Freiwillige engagiert. Sofia Campos, eine 20-jährige Studentin der Krankenpflegehochschule in Porto, macht seit zwei Jahren mit. Von Februar bis Juli vergangenen Jahres war sie Koordinatorin eines Teams. Tausende von portugiesischen Freiwilligen helfen bei der Wiederherstellung von Dutzenden von Häusern jedes Jahr. Das große Ziel ist die Bekämpfung der Wohnungsarmut, denn laut Nationalem Statistischen Institut haben 160 000 Einwohner Portugals nicht die Möglichkeit zu duschen, und 28 Prozent der Bevölkerung können die Wohnung nicht warm halten. Mehr als 500 000 Portugiesen leben in ärmlichen Verhältnissen. Deswegen widmen sich die Freiwilligen der Aufgabe, Wohnraum wiederherzustellen.

          Das ist nicht gerade einfach. Am Beispiel der Stadt Porto erläutert Sofia das Vorgehen. Es gibt eine Zusammenarbeit zwischen dem Verein und der Stadtverwaltung. Die Stadt liefert einige Materialien und hilft mit Geld. Denn Einwohner mit eigentlich unbewohnbaren Häusern zu haben, ist ein großes Problem für sie. Außerdem arbeitet der Verein mit Patenschaften wie zum Beispiel mit „Leroy Merlin“ und mit „CIN“ und organisiert kleine Feste, um Geld zu sammeln, um später nicht nur einige der Materialien zu bezahlen, sondern auch in der Lage zu sein, die rund zwölf Ferien-Camps zu organisieren. Den ersten Teil, die sogenannte Signalisierung, das heißt die Wahl der Häuser, seien es Miet-Sozialwohnungen oder solche im Eigentum der Bewohner, übernimmt das Rathaus, damit keine Ungerechtigkeiten seitens des Vereins eintreten. Nach festen Kriterien wird bestimmt, welche Häuser renoviert werden. Manchmal sind die Häuser in einem sehr schlechten Zustand, aber die Betroffenen wollen sich nicht helfen lassen. In anderen Fällen sind die Bewohner nicht für das Konzept geeignet. „Wir können ja kein Haus für jemand umbauen, wenn wir wissen, dass nach einem Jahr das Haus genauso aussehen wird wie zu Beginn“, sagt Sofia Campos. Niemand kann es sich leisten, Geld zu verschwenden. Nachdem die Interventionen definiert werden, ist „Just a Change“ dafür verantwortlich, die notwendigen Ressourcen, sprich Freiwillige und die restlichen Baumaterialien, zu mobilisieren.

          Die Stadt hilft mit Material und Geld

          Der dritte Schritt ist die Rehabilitation. Während der Wiederherstellung des Hauses konzentriert sich das Team auf den Aufbau von Beziehungen zu den Bewohnern. Außerdem werden die Begünstigten zur Teilnahme aufgefordert. Später gibt es eine Begleitung. Der Verein stellt sicher, dass die vorgenommenen Veränderungen nicht verschwinden, und fördert die Einbeziehung lokaler Agenten, wie zum Beispiel Sozialarbeiter oder Arbeiter des Gemeinderates. „Für mich ist Just viel mehr als nur ein Verein, viel mehr als nur ein Nachmittag alle zwei Wochen, wo ich Wände anmale, Just ist eine Familie“, schwärmt Sofia. Diese Arbeit bereite Freude und zaubere „ein Lächeln auf die Gesichter der Leute“. Sofia hat beide Seiten der Freiwilligenarbeit von „Just a Change“ kennengelernt.

          Die Freiwilligen, die während des Schuljahres am Programm teilnehmen, arbeiten einmal alle 14 Tage, entweder morgens von 9 bis 13 Uhr oder nachmittags von 14 bis 18 Uhr, abhängig von den Schulzeiten. Sie arbeiten in Teams von sechs Personen. „Wir haben einen Koordinator, sind vier Freiwillige und ein ausgebildeter Bauarbeiter.“ Da man nicht regelmäßig dabei sei, wundere man sich schon, wie die Wohnung zwei Wochen später aussehe. Anders sei es bei den Sommer-Camps, „die viel intensiver sind“, man begleitet eine Renovierung von Anfang an, bis das Haus fertig umgebaut ist. Während dieser Zeit nehmen 40 bis 50 Freiwillige an dem zwölf Tage langen Programm teil. Die Arbeiter werden in Gruppen aufgeteilt. Jeweils ein Koordinator und ein Bauarbeiter sind mit den Freiwilligen für ein Haus verantwortlich.

          Bei den Camps ist man ab 9 Uhr bei der Arbeit. „Am ersten Tag reißt du eine Wand nieder, am nächsten Tag räumst du den ganze Müll weg.“ In den nächsten Tagen wird die Mauer neu aufgebaut. Am letzten Tag kann man dann sehen, wie das Haus rekonstruiert ist. Sofia gibt lächelnd zu, die Zerstörung sei der coolste Teil an der Baustelle. Normalerweise essen alle an der Baustelle zu Mittag, nachmittags haben sie immer eine „kleine Pause für ein Bier“. Um 18 Uhr ist Schluss. Nachts mache man immer viele Spiele. Im vergangenen Sommer wurden 55 Häuser instand gesetzt. Schockiert hat die Studentin, dass Leute mehrmals nicht zugeben wollten, dass sie wirklich Hilfe brauchen. Zu Beginn seien sie oft nicht dankbar. Einmal wurde ein Dach erneuert. „Wir haben ihnen im wahrsten Sinne des Wortes ein Dach über dem Kopf gegeben, und sie konnten nicht einmal danke sagen.“ Am letzten Tag an der Baustelle sagte der Mann: „Wenn ihr jetzt geht, ist für euch das Spiel vorbei, und meine Freunde kommen vorbei, und wir bauen dann alles wieder richtig auf.“ Sofia und ihr Team waren traurig. „Obwohl es nicht perfekt ist, war es das Beste, was wir machen konnten.“ Oft merke man aber, dass die Leute dankbar sind, ohne dass sie etwas sagen. „Entweder weil sie dir die Hand geben, dich berühren oder weil sie dich fest umarmen. Oder irgendetwas in ihren Augen lässt dich erkennen, dass sie wirklich danken wollen. Man kommt zu einem Menschen, der fast nichts hat, und die Frau, die vielleicht nicht einmal das Geld für die Wandfarben hat, geht los, um uns ein Bier von ihrem Geld zu bezahlen.“

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