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Jugend schreibt : Ein Übersetzer braucht Mut

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Bis man manche Zeilen erwogen hat, vergehen oft mehrere Tage. Manchmal trage man schwierige Zeilen tagelang im Kopf herum, „und dadurch machte ich mich in meiner Familie verhasst“. Für zwei Zeilen braucht er oft zwei bis drei Tage zum Übersetzen. Er zitiert das Wortspiel zwischen dem Optimisten, der den Seelenaufschwung im Ersten Weltkrieg mit den Worten einleiten will: „Es handelt sich in diesem Krieg . . .“ und vom Nörgler unterbrochen wird mit: „Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!“ Dadurch dass er neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nur in seiner Freizeit Zeit dafür findet, braucht António Sousa Ribeiro oft mehrere Jahre, um ein Buch vollständig zu übersetzen. Das Übersetzen beginnt er damit, dass er zuerst das ganze Werk liest, um die Intention des Autors zu verstehen. Als Nächstes übersetzt er fast mechanisch am Computer den digitalen Text des Buches. Dies sei lediglich einfacher beim Übersetzen, denn „ein Buch in der Hand zu halten ist eigentlich durch nichts zu ersetzen“, findet der sprachbegabte Portugiese.

20 000 Seiten der Fackel

Wenn er mit der ersten Übersetzung fertig ist, überarbeitet er diese und durchkämmt sie. Satz um Satz vergleicht er mit dem deutschen Originaltext. Zu guter Letzt liest António Sousa Ribeiro den entstandenen portugiesischen Text durch, um zu sehen, ob der Text, ohne die deutsche Vorlage im Kopf zu haben, auch wirkt. Man dürfe nicht merken, dass er übersetzt ist. António Sousa Ribeiro hat eine tiefe Beziehung zur deutschen Sprache und interessiert sich vor allem für Bertolt Brecht und Karl Kraus. Der Portugiese ist stolz darauf, dass er als einer von ganz wenigen die gesamte Fackel von Karl Kraus mit mehr als 20 000 Seiten gelesen hat. Seinen Studenten bringt er gern ein altes Exemplar einer der 922 „Fackel“-Nummern mit, damit sie wissen, wie eine alte Zeitschrift sich anfühlt und riecht. Die Komplexität der Stücke wie Brechts „Mutter Courage“ oder „Der gute Mensch von Sezuan“ und der komplexe Satzbau der deutschen Sprache sind für ihn keine Hindernisse beim Übersetzen, sondern „zeigen, dass die Welt komplex ist“. Um die „Letzen Tage der Menschheit“ zu übersetzen, musste der Professor sich intensiv mit dem Kritiker Karl Kraus beschäftigen. Kraus schreibe mit viel Pathos, und das sei am schwierigsten ins Portugiesische zu übersetzen. Es ist wichtig, dass diese Emotionalität auch bei der Übersetzung glaubhaft zum Ausdruck kommt. Der österreichische Schriftsteller (1874–1936) wollte die Leser „entjournalisieren“ und ideologiekritisch die Gefährlichkeit von Phrasen aufzeigen. Vor die Schwierigkeit gestellt, das Kraus’sche Schlüsselwort „Phrase“ ins Portugiesische zu übersetzen, griff er zur Notlösung von „lugares comuns“, „Gemeinplätze“, wohl wissend, dass auch hier nur eine Annäherung möglich war.

Da hilft das Netz nicht weiter

Anders als zu Kraus’ Zeiten gehe das Korrigieren von Texten heute schneller und besser, weil man sie sich am Computer durchliest und sie dort direkt korrigiert. Auch für das Übersetzen gebe es laut Sousa Ribeiro jetzt schon viele gute Internetseiten, nicht nur mit Übersetzungsvorschlägen, sondern auch mit Seiten, die die früheren Stilwörterbücher ersetzen. Dies seien gewaltige Fortschritte, aber man müsse immer noch selbst erkennen, welches von den Wörtern nun am besten zu dem originalen Satz passe. „Ein Übersetzer ist jemand, der mit der Unmöglichkeit seiner eigenen Aufgabe, mit der Unvollkommenheit, mit dem Unaussprechlichen kämpft“, findet António Sousa Ribeiro.

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