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Transition Town : Kostenlose Kleider

  • -Aktualisiert am

Verschenkbörsen und viele andere Ideen hat Johanna aus Saarbrücken, die sich für Transition Town engagiert. Geht es um Umwelt, redet sich die Studentin in Rage.

          Unser Planet ist unser Zuhause, unser einziges Zuhause. Wo sollen wir denn hingehen, wenn wir ihn zerstören.“ Diese bewegenden Worte des Dalai Lamas waren ein Schlüsselerlebnis für Johanna Shiva Werner. Die 19-Jährige redet sich in Rage, wenn es um die Umwelt geht. Werner studiert Philosophie und Kunstwissenschaft und trat vor zwei Jahren der Saarbrücker Gruppe von Transition Town bei. „Manchmal kommen zum Treffen dann nur eine Handvoll Leute“, bedauert sie. „Ich wollte mich schon immer für Umweltschutz einsetzen.“ Transition Town hat ihren Ursprung in Großbritannien und setzt sich in vielen Städten der ganzen Welt dafür ein, die lokal und regional nachhaltige Entwicklung zu stärken. Daher kämpft die Bewegung auch gegen die Konsumgesellschaft an. „Ganz bewusst veranstalten wir Verschenkbörsen“, sagt Johanna und lächelt stolz. „Im Prinzip ist diese Börse wie ein Flohmarkt ohne Geld.“ Die Kulisse der Verschenkbörsen wird von Transition Town zur Verfügung gestellt, der Rest wird von den Besuchern selbst gestaltet. „Man kann selbst Sachen mitbringen und andere wieder mitnehmen, allerdings ist das kein Muss.“ Jeder kann die Sachen auch ohne etwas zu geben mitnehmen. „Wir wollen ganz bewusst auch keine Tauschbörsen, da es dort oft zu Streitigkeiten kommt. Außerdem soll alles kostenlos bleiben.“

          Auch dafür gibt es eine Lösung

          Die Veranstalter müssen dafür sorgen, dass alles geregelt abläuft. „Anfang 2018 ist eine Veranstaltung völlig aus dem Ruder gelaufen“, merkt die junge Frau bedauernd an. „Die Leute haben angefangen, sich um die Kleider zu streiten, wie beim Sale in amerikanischen Filmen.“ Seitdem gibt es am Eingang eine Liste mit Regeln. „Die Leute halten sich größtenteils auch daran. Mitgebracht wird von Unterwäsche, Kleidern und Schmuck bis hin zu CDs und Haushaltswaren eigentlich alles.“ Natürlich bleibt am Ende des Tages auch einiges zurück, was nicht mitgenommen wird. Dafür hat Transition Town eine Lösung gefunden: Die Überbleibsel werden zur Sankt Johanner Börse gebracht, einer lokalen Organisation, die ähnlich agiert wie das Deutsche Rote Kreuz und Kleider an bedürftige Menschen spendet. Die Verschenkbörse wird von vielen genutzt. „Besonders Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, sehen die Börse auch als Chance, Kontakte zu knüpfen.“ Werner findet, dass der rege Austausch bei diesen Veranstaltungen ein sekundärer Gewinn ist. Auch viele Mütter und ältere Menschen nehmen teil, um zu helfen. „Es kommen auch viele Studenten, nicht nur aus Spaß, sondern sie sind glücklich darüber, kostenlos Kleidung zu bekommen.“ Im Schnitt besuchen um die 500 Leute die Verschenkbörsen. Beworben werden die Veranstaltungen mit Plakaten und auf Facebook.

          Biobeet an der Saar und Verschenkregale

          Transition Town Saarbrücken engagiert sich auch in andere Richtungen. „Beispielsweise haben wir auch ein Beet am Staden. Dort bauen wir hauptsächlich Bio-Gemüse an“, berichtet Johanna Werner enthusiastisch. Die große Wiese an der Saar ist ein Ruheort für viele Bürger, aber auch Sport kann man dort treiben. Für das Biobeet ist die Studentin zuständig und trifft sich dort jede Woche mit Mitstreitern, um es zu pflegen. Außerdem plant die Bewegung, weitere Verschenkregale in der Innenstadt aufzustellen, „damit immer weniger neue Produkte hergestellt werden müssen“. Das Ideal sei die Mehrfachnutzung von Produkten. „Damit könnten wir auch den CO2 Ausstoß verringern“, sagt Werner überzeugt. Auch regional will man mehr Aufmerksamkeit generieren. „Wenn wir es schaffen, den Saarbrückern zu zeigen, dass sie selbst etwas daran ändern können, dann sind wir einen riesigen Schritt weiter.“ Zusammen mit dem Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland hat Transition Town eine Filmreihe zu Ressourcenschutz auf die Beine gestellt. „Ausgestrahlt wurde es im Kino 8 ½ in der Nauwieser Straße. Es kamen so viele, dass einige stehen mussten.“ Künftig soll ein kostenloser Fahrradverleih etabliert werden. „In Saarbrücken kommt man mit dem Fahrrad eigentlich überall hin, daher sollten viele auf das Auto verzichten. Ich selbst habe keinen Führerschein und fahre entweder Fahrrad oder Bus“, erklärt sie. Zurzeit versucht sie, einen Monat vegan zu leben und einen Ersatz für Milch zu finden. „Besonders hart finde ich es, auf Käse zu verzichten, aber es muss ja eine Alternative geben.“ Johanna versucht auch in ihrer Freizeit auf vieles zu achten. Die Vegetarierin schränkt ihren Plastikverbrauch auf das Nötigste ein, in ihrer WG wird überwiegend Bio gekauft. „Ich fahre nur bei jemandem im Auto mit, wenn er auch wirklich in meine Richtung muss.“

          Sie konnte sich nicht überwinden

          Ist es nicht anstrengend, immer das Wohlergehen der ganzen Menschen- und Tierwelt zu bedenken? Johanna Werner grinst ein bisschen. „Letztens kam eine Dame zur Börse und wollte ihren Nerzmantel verschenken. Auf Ebay hatte jemand 150 Euro geboten – das gute Stück hatte 1974 das 30-Fache in D-Mark gekostet. Eigentlich passte das ja ganz gut zur Verschenkbörse: Der Mantel war fast wie neu, wärmt gut und war echt zu schade für den Müll“, sagt Werner. „Aber ich konnte mich echt nicht überwinden, ihn anzunehmen.“

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