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Iranische Partytouristen in Armenien : Frei für ein paar Tage

  • -Aktualisiert am

Prost Neujahr: Im riesigen „Jerewaner Konzert- und Sportkomplex“ treten die Stars des iranischen Exil-Pop auf. Bild: Nazik Armenakyan

Das persische Neujahrsfest feiern viele Iraner im kleinen christlichen Nachbarland Armenien. Hier gibt es Popmusik, Frauen und Alkohol.

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          Von seinem Steinpodest im Zentrum der Stadt blickt ein bronzener Aram Chatschaturian nachdenklich in die kalte armenische Nacht. Hinter seinem Rücken steht die altehrwürdige Jerewaner Oper, die Jahr für Jahr treu seine Werke rauf- und runterspielt. Doch unter der Erde, im Club „Opera“, zucken wilde grüne und rote Stroboblitze, gerade lässt DJ Mamsi den Song „You wanna be Americano“ in ohrenbetäubenden persischen House übergleiten.

          Auf der Tanzfläche juchzen schwer aufgetakelte, knapp bekleidete Iranerinnen, viele tragen ihre Haare vogelnestartig wie einst Amy Winehouse. Die Männer treten leger auf, in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen, aber auf ihre Frisuren haben auch sie offenbar viel Zeit verwandt. Die Besucher tanzen ausgelassen mit Bier und Zigarette in der Hand, im Kreis, als Polonaise - nur geknutscht wird hier nicht. Das „Opera“ haben die Iraner für zehn Tage reserviert, um das zu machen, was in ihrer Heimat verboten ist: eine ordentliche Neujahrsparty.

          „Wir haben gelernt, uns anzupassen“

          Das Rot auf den Lippen der 31 Jahre alten Reswan, im schwarzen, schulterfreien Kleid, ist um zwei Uhr nachts schon etwas verschmiert, ihr Englisch noch ausgezeichnet. Zusammen mit ihrem Mann und fünf Freunden sind sie aus Teheran gekommen, 28 Stunden mit dem Auto. Heute Abend haben sich die Freunde im Hotel mit Absinth die Kante gegeben, sind dann mit dem Taxi ins „Opera“ gefahren. „Jerewan, das ist für uns nah, das ist für uns frei“, sagt Reswan. In der Islamischen Republik Iran sind Discos aufs strengste verboten, ebenso wie Alkohol, und natürlich dürfte Reswan dort auch niemals in der Öffentlichkeit das schwarze Haar offen tragen.

          Das persische Neujahrsfest Nouruz haben in den vergangenen Jahren viele Iraner gern im Nachbarland Armenien gefeiert, auch weil es dort für sie billig war. Das hat sich geändert, seit der iranische Rial gegenüber dem Dollar über die Hälfte seines Wertes eingebüßt hat. Das hat mit den Sanktionen des Westens zu tun und mit den immer lauter werdenden Drohungen Israels, das iranische Atomprogramm notfalls per Luftschlag zu beenden.

          Viele der Gäste sitzen mehr als einen Tag im Auto, um sich in Armenien die Kante zu geben.

          Aber Reswan und ihre Freunde lassen sich von islamischen Dogmen, Kriegsdrohungen und Ahmadineschad kaum beeindrucken. „Iraner sind wie Kakerlaken“, sagt sie. „Wir haben gelernt, uns an alle möglichen Situationen anzupassen.“

          Die meisten hier haben mit dem Islam nur wenig am Hut

          Am Dienstagmorgen um 8.14 Uhr beginnt in Jerewan das Nouruz-Fest: Der Tag und die Nacht sind heute genau gleich lang. Unter der Kuppel der wieder errichteten Jerewaner Moschee sitzen am frühen Morgen nur ein paar ältere Frauen auf den Teppichen und lesen im Koran. Ihnen gegenüber steht ein Fernseher, auf dessen Bildschirm man Zehntausende Menschen in Teheran in die Moscheen strömen sieht. Es kommentieren ein Moderator und ein Imam. Dass es in der Jerewaner Moschee so still ist, mag damit zu tun haben, dass die meisten Iraner, die nach Jerewan kommen, mit dem Islam wenig am Hut haben. Zudem ist Nouruz ein vorislamisches Fest: Seit 3000 Jahren feiern die Perser und ihre Nachbarn rund um die Tag- und Nachtgleiche Neujahr.

          Dazu gehört der Nouruz-Festtisch, der auch in der Jerewaner Moschee aufgebaut ist: Auf einer blauen Stofffahne stehen Schüsseln mit Äpfeln, Essig, „russischen Oliven“ und anderen traditionellen Speisen des Festes. In der Mitte thront ein Glas mit ein paar Miniatur-Goldfischen. Fast etwas deplaziert wirkt in diesem Ensemble der aufgeschlagene Koran.

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