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Internetforen : Wenn die Schüler Noten geben

  • -Aktualisiert am

Zeugnisse für die Pauker: Lehrer müssen Benotungen durch ihre Schüler im Internet vorerst dulden Bild: picture-alliance/ dpa

Setzen, sechs! Wenn Schüler im Internet ihre Pauker beurteilen, geht es mitunter hoch her. Das „Cyberbullying“ müssen Lehrer vorerst über sich ergehen lassen - wenn es nicht zur „Schmähkritik“ ausartet. Von Lena Bopp.

          Am besten umschreibt wohl eine Wortschöpfung aus dem Angelsächsischen, um was es eigentlich geht: Als „Cyberbullying“ bezeichnet man im Englischen, was hierzulande eine Lehrerin aus Neukirchen-Vluyn in der Nähe von Moers am Niederrhein erlebte. Auf der Internetseite www.spickmich.de, die Schülern ein Forum zur Benotung ihrer Lehrer bietet, hatte man ihr ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Ihre Durchschnittsnote lag bei 4,3. Durch die Veröffentlichung der Noten in den Katgorien „sexy“, „cool“ und „witzig“ fühlte sie sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Oberlandesgericht Köln, das den Fall am Dienstag in zweiter Instanz verhandelte, hat die Benotung von Lehrern im Internet indes vorläufig für rechtens erklärt. Der zuständige Richter halte das vorangegangene Urteil der ersten Instanz für zutreffend, sagte ein Sprecher des Gerichts. Bereits im Juli hatte das Landgericht eine einstweilige Verfügung aufgehoben, die es den Betreibern der Internetseite untersagte, persönliche Daten der Lehrerin zu veröffentlichen.

          Top oder Flop?

          Die Kammer hatte entschieden, dass die Bewertungen im Internet vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung gedeckt seien. Es handele sich bei ihnen nicht um Tatsachenbehauptungen, sondern um Werturteile. Solange die nicht die Grenze zur „Schmähkritik“ überschreiten, habe die Lehrerin sie hinzunehmen. Das Gericht hielt es daher für zulässig, bei der Benotung der Lehrer auch Kategorien wie „sexy“, „cool“ oder „witzig“ zu verwenden. Ob jemand die in der Note gegebenenfalls abzulesende Kritik für falsch halte, sei nicht von Bedeutung.

          Die drei Stundenten aus Köln, die die Seite spickmich.de betreiben, dürfte es freuen. Nach ihren Angaben sind zur Zeit rund 150.000 Schüler bei spickmich.de registriert. Sie verteilen Noten, erstellen in ganz Deutschland Top- und Floplisten und notieren die besten Sprüche der Lehrer. Bei all dem werden sie freilich aufgerufen, „fair zu benoten“, und dabei an das zu denken, „was ihr selbst von euren Lehrern erwartet“.

          Auf YouTube werden Pädagogen symbolisch geköpft

          Auch wenn diese Appelle oftmals ungehört im digitalen Universum verhallen dürften - die Seite von spickmich.de ist nach Einschätzung des Deutschen Philologenverbandes noch recht harmlos im Vergleich zu den Inhalten anderer Seiten. Es komme vor, dass etwa auf YouTube Videos von Lehrern auftauchten, die während des Unterrichts heimlich gedreht wurden. Der Verband berichtete von simulierten Hinrichtungen und Montagen, bei denen die Köpfe von Lehrern in Szenen aus Porno-Filmen montiert wurden.

          Auch Michael Rathe, ein Kunstlehrer aus Hemmingen bei Hannover, war beim Surfen im Internet eines Tages auf einen „Hass-Club“ gestoßen, der sich gegen eine seiner Kolleginnen richtete. Er griff zur Selbsthilfe. Kurzerhand bearbeitete er die Bewertungen seiner Kollegen bei spickmich.de derart, dass sie alle auf den ersten Plätzen der Bestenliste auftauchten. Hinterher sagte er, er habe dieselben Tricks wie die Schüler angewandt und damit das System ad absurdum geführt.

          Müssen Lehrer Benotung durch Schüler dulden?

          Die grundlegende Frage, inwiefern Lehrer eine Benotung durch ihre Schüler überhaupt erdulden müssen, ist indes weder durch diese Form der Revanche noch durch die Rechtsprechung des Kölner Gerichts beantwortet. Nach Angaben des Sprechers wies der Richter in der Verhandlung darauf hin, dass eine Entscheidung dieser Grundsatzfrage durch das Bundesverfassungsgericht oder den Bundesgerichtshof hilfreich sein könnte.

          Nun will der Richter bis zum nächsten Verhandlungstag in drei Wochen klären, inwieweit die Lehrerbewertung bei www.spickmich.de manipuliert werden könne. Sollte nicht kontrollierbar sein, dass nur Schüler einer bestimmten Schule Noten abgeben, könnte das gegen eine Zulässigkeit der öffentlichen Bewertung von Lehrern sprechen.

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