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Internationale Familie : In keiner der vier Sprachen richtig zu Hause sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Eine Schweizerin lebt mit ihrem syrischen Mann und geflüchteten Angehörigen unter einem Dach. Die multikulturelle Familie hat erhöhten Gesprächsbedarf.

          Im Arabischen kennt man vier verschiedene Wörter für Cousine. Verwandtschaftsbeziehungen haben in dieser Kultur einen hohen Stellenwert. Bei der Erziehung der Kinder hat die ganze Familie etwas zu sagen. „Manchmal ist es schwierig, meine eigenen Wurzeln in diesen multikulturellen Alltag einzubringen“, sagt die Schweizerin Judith Schwegler lächelnd. Unter einem Dach mit ihrer eigenen Familie und den Angehörigen ihres syrischen Mannes, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind, spielen Sprache und Kultur eine große Rolle.

          Vom Park hört man Kindergelächter durch die offene Balkontür herauf. Judith Schweglers zwei Kinder, Shelan und Sipan, toben sich unterhalb des Wohnblocks aus und spielen Verstecken zwischen Parkbänken und Tannen. Mit der Arve gleich nebenan und dem vielen Grün ist es wie in einer kleinen Oase. In diesem multikulturellen Quartier am Stadtrand von Genf wohnt die hochschwangere 37-Jährige mit ihrem syrisch-kurdischen Mann Imad Hamzo. Ihre Kinder gehen in die Krippe.

          Cello im UN-Orchester

          Judith Schwegler ist im Zürcher Oberland in einer klassischen Schweizer Familie mit vier Geschwistern aufgewachsen. In ihrer Jugend hat sie ihr Umfeld als einschränkend und nicht weltoffen empfunden. Schon während ihrer Zeit am Gymnasium verdiente sie mit Musizieren ein gutes Taschengeld: Mit einem Freund, der Klavier spielte, gab sie mit dem Cello kleine Konzerte. Das Cello spielt sie auch heute noch im UN-Orchester in Genf. Ihr Interesse an Sprachen und Kultur zog sie im Anschluss an die Matura für neun Monate nach England. In Frankreich machte sie anschließend ihre Erfahrungen als Praktikantin auf einem Bio-Hof und schlug sich die ganze Zeit ohne finanzielle Unterstützung ihrer Eltern durch. Judith arbeitete als Telefonistin bei der Stadtzürcher Kehrichtverbrennungsanlage, als Assistentin beim Kreditkarteninstitut Telekurs und begann 2001 ein Übersetzerstudium in Genf. „Gewisse Schienen waren nun schon gelegt, aber eigentlich war meine Zukunft noch offen.“

          Aussichten auf Arbeit gibt es nicht

          Die Kinder werden nach Hause gerufen, das Essen steht bereit. Es liegt ein milder Duft von Petersilie und Frittiertem in der Luft. Aus der Küche hört man, wie Judith Schweglers Schwägerin auf Arabisch zu ihrer Mutter spricht. Die beiden sind wegen des Kriegs aus ihrer Heimat geflohen und haben vorübergehend in der Vierzimmerwohnung Platz gefunden. Sie haben zwar die Möglichkeit, in der Schweiz zu verweilen, aber Aussichten auf eine Arbeit gibt es nicht. „Anoud, Imads Schwester, war in Syrien Schuldirektorin, hier ist ihre Hauptbeschäftigung das Kochen. Aber sie ist eine wahre Kochkünstlerin“, erklärt Judith Schwegler. Auf dem Tisch befinden sich Kibbeh, gebackene, mit Hackfleisch gefüllte Bulgurbällchen, frittierte Zucchini mit Tarator, einer Joghurt-Creme, Fattouch, ein Gurkensalat mit Tomaten und frittiertem Brot, und eine Auberginen-Creme namens Mouttabbal. Vor dem Essen gibt man sich die Hände und wünscht guten Appetit.

          Arabisch als Herzenssprache

          Auf Schweizerdeutsch ermahnt Judith Schwegler ihre Kinder, sie sollen sich gerade hinsetzen, auf Französisch trällert Shelan ein Lied aus der Krippe, Sipan fragt seinen Papa auf Kurdisch, ob er ihm das Fladenbrot reichen könne, und zwischen den Erwachsenen wird auf Arabisch diskutiert. „Durch das Aufwachsen mit so vielen Sprachen lernen meine Kinder sicher eine gewisse Weltoffenheit. Ein Nachteil ist, dass sie in keiner Sprache richtig zu Hause sind.“ Für Judith Schwegler selbst ist Schweizerdeutsch die Sprache, die für sie am natürlichsten ist. „Arabisch ist für mich so eine Herzenssprache. Da kann man gut auch mal etwas temperamentvoll rüberbringen.“

          Auf die Sprachschule nach Damaskus

          Um ihre Chancen als Übersetzerin zu verbessern, beschloss sie, Arabisch als eine weitere Sprache zu lernen. Syrien galt Ende 2006 als ein empfehlenswertes Land für einen Sprachaufenthalt, da es offen, gastfreundlich, sicher und durch die verschiedenen Religionen auch kulturell interessant war. So beschloss die diplomierte Übersetzerin, für knapp zwei Jahre nach Damaskus, Syriens Hauptstadt, zu ziehen und vor Ort eine Sprachschule zu besuchen. Dort lernte sie Imad, ihren jetzigen Mann, kennen. „Es war relativ schnell klar, dass wir dieselben Vorstellungen für eine gemeinsame Zukunft hatten.“  Mit einer typischen kurdischen Hochzeit schlossen sie den Bund der Ehe vor Ort. Auch in der Schweiz gab es ein Fest mit Tanz, syrischem Essen und Kulturmix vom Feinsten.

          Studium in Aleppo und Istanbul

          Zusammen zogen sie nach Genf, wo sich Imad mit seinem in Aleppo abgeschlossenen Wirtschaftsstudium, seinem Master in Business Administration der Universität Istanbul und seinen Sprachkenntnissen in Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Englisch eine Arbeit suchte.  Doch mit der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 standen die Aussichten auf eine Anstellung schlecht für ihn. „Lange hat er nichts gefunden. Dafür hatte er alle Zeit, sich um unser erstes Kind Sipan zu kümmern, als ich Vollzeit arbeitete.“ Nun hat Imad bei Global Risk Profile Arbeit als Analyst gefunden. Seine Frau arbeitet als Übersetzerin bei ERI Bancaire, einer Firma für Bankeninformatik.

          Konsequent Schweizerdeutsch mit den Kindern

          In der Erziehung der Kinder treffen die zwei Kulturen öfters aufeinander. „In Syrien dürfen alle miterziehen.“ Judith Schwegler möchte ihren Kindern auch etwas von ihrer Schweizer Kultur mitgeben. Dafür muss sie sich aber oftmals durchsetzen. Mit ihren Kindern spricht sie konsequent Schweizerdeutsch. Auch in der Frage, wann man ins Bett geht, gibt es Meinungsdifferenzen. „In Syrien gibt es keine Bettgehzeit. Die Kinder springen umher, bis sie vor Müdigkeit umfallen.“ Jeder Tag ist eine Herausforderung für die Familie. Es ist 22 Uhr, die Kinder sind im Bett. Mit ihrem kugelrunden Bauch macht es sich ihre Mutter auf dem Sofa bequem. Vor sich ein syrischer Tee und auf den Knien ihr Notebook. Sie hat noch zu arbeiten.

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