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Jazzpianist Claude Diallo : „In Konzerträumen herrscht magische Energie“

  • -Aktualisiert am

Jazzpianist Claude Diallo pendelt zwischen Metropolen und einem Dorf in der Schweiz. Der Mann aus einer Musikerfamilie schätzt beide Welten.

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          Angefangen hat er mit einer Blockflöte, mit zwölf komponierte er seine ersten Melodien, und heute bereist Claude Diallo die ganze Welt als professioneller Jazzpianist. Konzerte spielte er schon in ganz Europa, Amerika und Asien. Mit seinen raffinierten Klavierarrangements und lebhaften Kompositionen begeistert er ein großes Publikum. Elf Jahre verbrachte er in den Vereinigten Staaten. Nebenbei unterrichtet er an einem Gymnasium in Trogen, einem Dorf in der Schweiz. „Ich wurde in eine Musikerfamilie geboren.“ Nebst großem Ehrgeiz und großer Ausdauer wurde dem heute 39-Jährigen das Gespür für die Musik mit in die Wiege gelegt. Seine Eltern sind Geiger und spielten im Symphonieorchester St. Gallen. Die Musik war allgegenwärtig. Ihm war aber von Anfang an klar, dass er nicht Geige spielen wollte. Als Kind sollte er zuerst Blockflöte lernen. Man lernt dabei die Notenschrift und das Taktgefühl. Seine Eltern schickten ihn deshalb zum Flöten­unterricht. Zufälligerweise stand im Musikzimmer der Flötenlehrerin ein Flügel. „Ich sah zum ersten Mal einen Flügel, und dieser faszinierte mich unglaublich.“ Als er seine kleine Flöte mit dem „wahnsinnig schönen“ Instrument verglich, fragte er, ob er nicht doch auf ­diesem Instrument spielen könnte. So kam es, dass er über eine längere Zeit hinweg heimlich, anstatt das Blasinstrument zu lernen, Klavierunterricht bekam. Erst als der Siebenjährige sich bei Freunden ans Klavier setzte und anfing, Kinderlieder zu spielen, fiel der kleine Schwindel bei seinen erstaunten Eltern auf. Diese Überraschung wandelte sich schnell in eine große Freude um. Seine Eltern ermöglichten es ihm, nun offiziell Klavierunterricht zu nehmen.

          Ironischerweise rieten ihm die Eltern ab

          Aufgewachsen ist der dunkelhaarige Musiker in St. Gallen. Als Sechzehnjähriger wurde ihm bewusst, dass er das Klavierspielen zu seinem Beruf machen möchte. „Ironischerweise haben mir meine Eltern, die Berufsmusiker waren, zuerst davon abgeraten“, erzählt der Pianist in schwarzem T-Shirt und Jeans. Denn sie wussten, wie anstrengend dieser schöne Beruf sein kann. Ihnen zuliebe besuchte er neben dem professionellen Jazzunterricht eine Mittelschule, um mehrere Wege offen zu haben. Ihm war bewusst, dass er die Schule nur der Form halber besuchte. Mithilfe eines Stipendiums des Rotary Clubs konnte er 2004 am Berklee College of Music in Boston studieren. Später zog es den groß gewachsenen, freundlichen Mann nach New York, diesen Aufenthalt unterbrach er, indem er für zwei Jahre nach Schanghai zog. „Man merkt einfach, dass die Menschheit auf dieser Welt wahnsinnig divers ist“, bemerkt Diallo, der durch Tourneen und Konzerte die Welt erkundet. Niedergelassen hat sich der Familienvater aber der Liebe wegen in Trogen. „Auch sah ich meine Eltern in den Jahren zuvor nur sehr selten.“

          Das Menschliche ist das, was Diallo so sehr an der Jazzmusik fasziniert. „Es ist das Individuum, das im Mittelpunkt steht, und nicht nur die Musik“, meint er, während er die Plexiglasscheibe vor seinem Gesicht zurechtrückt. Im Musikzimmer des Gymnasiums in Trogen weht ein kühler Luftzug. Was ihm ebenfalls am Jazz gefällt, ist, dass jeder seinen eigenen Stil hat. Auch hat er ihm ermöglicht, neue Leute auf der ganzen Welt kennenzulernen: „Für mich ist ganz klar Oscar Peterson mein größtes Idol. Dieser Pianist hat mich musikalisch sehr beeinflusst.“ Es gibt aber auch viele andere Musiker, in denen er ein Vorbild sieht.

          „I Found a New Home“

          Neben seinem Beruf als Pianist gibt er sein Können in Form von Klavierstunden weiter. Dafür hat er sich entschieden, weil es ihm eine große Freude bereitet, sein Wissen weitergeben zu können. Zwischen 2001 und 2020 nahm er 17 verschiedene Alben auf. „Für mich ist ein Album ein gutes Album, wenn ich die Musik mit Freude immer wieder hören und ich es mit großem Enthusiasmus weiterempfehlen kann.“ Sein neuestes Album trägt den Titel „I Found a New Home“ und beinhaltet sieben Stücke. Das Zusammenspiel der drei Musiker, die das Album gemeinsam aufgenommen haben, wirkt harmonisch. Ein Album aufzunehmen ist für ihn etwas ganz Besonderes: „Es ist ein wahnsinnig überwältigendes Gefühl, wenn man mit anderen großartigen Musikern seine Ideen verwirklichen kann.“ Ein Stück ist für ihn erfolgreich, wenn es einer anderen Person im Kopf bleibt, ohne dass sie weiß, von wem es ist.­

          „In den Konzerträumen herrscht eine magische Energie, die man so sonst nirgends finden kann“, meint Diallo auf die Frage, warum er neben dem Aufnehmen seiner Stücke so gerne Livekonzerte spielt. Ihm gefällt die ganze Betriebsamkeit. Einen Favoriten all seiner Konzerte kann er nicht nennen. „Aber eines der tollsten Konzerte war zusammen mit dem legendären Saxofonisten Andy McGhee im Jazzklub Le Duc des Lombards in Paris.“ Die erste Zeit der Pandemie war für ihn „zermürbend“, so antwortet er frustriert auf die Frage, wie die Situation im ersten Lockdown war. Er spricht die Konzertausfälle an, die er durch Livestreams nur bedingt ersetzen konnte. „Das war natürlich nicht das Gleiche, das Publikum und die magische Energie fehlte.“ Auch als Klavierlehrer sei es unglaublich anstrengend gewesen. Die Lehrer mussten ziemlich improvisieren. „Was ich von dieser Zeit sicher mitnehme, ist, dass Familie das Wichtigste ist und sich das Leben nicht nur um die Arbeit dreht.“

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