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Imbissstuben : Essen wie im wahren Leben

  • -Aktualisiert am

Das wahre Leben - spielt sich immer am späten Sonntagabend in der ARD mit Olli Dittrich als „Dittsche” ab Bild: ddp

Als Imbisswirt serviert Jon Flemming Olsen „Dittsche“ die Biere. Nun legt er ein Buch über deutsche Grillstationen vor. Es ist das Soziogramm einer Welt, in der man keine Masken trägt.

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          Die kulinarische Kultur dieses Landes wird längst von oben nach unten definiert. Gutbürgerliche Restaurants arrangieren, dekorieren und benennen ihre Teller nach Art der Spitzenküche. Das derzeit meistverkaufte Kochbuch stammt vom Münchener Sternekoch Alfons Schuhbeck und widmet sich dem Thema Gewürze. Sogar die Deutsche Bahn hat ihr Bockwurst-Einerlei aufs Abstellgleis geschoben und serviert ihren Fahrgästen derzeit thailändische Kokos-Suppe oder „Frühlings-Lamm-Ragout mit Duftreis“ nach Rezepturen eines Sternekochs aus Hamburg.

          Wenn umgekehrt einfache Gerichte wie „Himmel und Erde“ einen Platz in höheren gastronomischen Sphären finden, dann als augenzwinkernde Interpretation. Aber entspricht das alles überhaupt dem „wirklich wahren Leben“? Oder anders gefragt: Wäre es nicht konsequent, in einem Land, das besessen ist von Hartz IV und den unteren Schichten der Gesellschaft, jenen Institutionen mehr Beachtung zu schenken, die gewissermaßen die gastronomische Blaupause sozialer Randständigkeit abgeben? Nämlich den Imbissbuden mit Fritteuse und Würstchengrill als Herz-Lungen-Maschine des billigen Sattmachgewerbes.

          „Das wirklich wahre Leben“ spielt in genau so einer Imbissbude, und wer die gleichnamige Improvisationscomedy mit Olli „Dittsche“ Dittrich in der Hauptrolle schon einmal am späten Sonntagabend in der ARD gesehen hat, der ahnt, dass die Macher dieser Sendung die „Eppendorfer Grillstation“ mit gutem Bedacht zum Austragungsort gekürt haben. Wo sonst sollten Charaktere wie Dittsche, Würstchenwirt Ingo und der schweigsame Dauergast Schildkröte denn auch sonst die Gelegenheit haben, aufeinanderzutreffen? Dieser Imbiss ist in seiner ganzen Trost- und Anspruchslosigkeit die ideale, die einzig denkbare Bühne für den arbeitslosen Alltagsphilosophen Dittsche, wobei die Tatsache, dass er stets im Bademantel auftritt, weniger als westerwelleartiger Affekt gegen verschnarchte Stützeempfänger zu verstehen ist. Sondern vielmehr die öffentliche Imbissbude als einen im Kern privaten Rückzugsraum charakterisiert.

          Sein Bademantel kennzeichnet den Imbiss als privaten Rückzugsraum
          Sein Bademantel kennzeichnet den Imbiss als privaten Rückzugsraum : Bild: WDR/Mathias Bothor

          Einblick in 16 Frittierstationen

          Ingo, der Mann am Grill, heißt in Wahrheit Jon Flemming Olsen und ist von Beruf Grafiker; als Gitarrist der von ihm gegründeten Country-Band „Texas Lightning“ hat er es sogar schon zu einigem Ruhm, zu einem Auftritt beim „Eurovision Song Contest“ im Jahr 2006 (mit Olli Dittrich am Schlagzeug) sowie zu einem Nummer-eins-Hit (dem Grand-Prix-Song „No No Never“) gebracht. Olsen sagt von sich, er sei eigentlich kein typischer Imbiss-Gänger, nie gewesen. Insofern agiert er sonntags auf reichlich fremdem Terrain. Was schon daran deutlich wird, dass er während einer „Dittsche“-Aufzeichnung einmal Chicken-Nuggets in der Mikrowelle warmmachen wollte, anstatt sie korrekterweise in heißem Fett zu baden.

          So kann das auf Dauer natürlich nicht angehen, und was liegt da näher, als ein nachgeschobenes Praktikum in den wirklich wahren Imbissbuden dieser Republik zu absolvieren. Dachte sich Jon Flemming Olsen und machte sich irgendwann auf den Weg. Das Ergebnis seiner „Reise ins Herz der Imbissbude“ - so der Untertitel - liegt nun als Buch vor („Der Fritten-Humboldt“, Goldmann, 14,95 Euro), wobei angemerkt werden sollte, dass es sich keinesfalls um einen Bratwurst-Guide handelt, sondern vielmehr um ein ziemlich persönliches, mit viel Empathie geschriebenes Soziogramm diverser Imbissbudenbetreiber und ihrer Gäste. Weil Olsen mit seinen 45 Jahren ein strukturiert arbeitender Mann zu sein scheint, ließ er während seiner Tournee kein Bundesland aus, und so bekommt der Leser Einblick ins Innenleben von genau 16 Brat-, Frittier- oder Eintopfstationen in den unterschiedlichsten Ecken und Landschaften zwischen dem nördlichen Saarland und Mecklenburg-Vorpommerns Süden.

          Ein feiner Beobachter

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