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Flucht aus der DDR : Im Kofferraum nach Westberlin

  • -Aktualisiert am

Eine Frau über ihre Flucht aus der DDR: Hätten sie uns entdeckt, wäre ich ins Zuchthaus, meine Kinder wären ins Waisenhaus gekommen

          3 Min.

          Da war die Volkspolizei, und ich dachte, das war’s“, lächelt Christiane Meister, die in Wirklichkeit anders heißt, als sie in ihrem gemütlich geschmückten Wohnzimmer sitzt. Die heute 83-Jährige lebt seit Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann in einer beigefarbenen Doppelhaushälfte in Berlin. Rot gemusterte Teppiche zieren den Parkettboden, Spitzendeckchen die Tische. Die ältere Dame sitzt mit einer bunt beschrifteten Tasse am Esstisch, selbst ihr grüner Pullover mit roten Knöpfen passt zu ihrer Einrichtung. Ihr Blick schweift zu den schwarz-weißen Fotos auf ihrem Regal.

          „Es war 1975, oder? Ja, zuerst brachte ich meine Schwester aus der DDR. Das lief problemlos ab. Danach war mein Bruder dran, und das war schwierig, denn die Kontrollen waren strenger. Wir sind mit dem Auto nach Magdeburg gefahren, haben ihn dort in einer Gaststätte getroffen und fuhren zurück nach Berlin.“ Sie selbst lebte bereits in Westberlin, war 1952 von Ostberlin aus einfach in den Westen gegangen. „Auf der Autobahn bin ich nach hinten geklettert, habe die Rückbank aufgemacht, und er ist in den Kofferraum geklettert, ansonsten hätte man das ja in der Gaststätte entdeckt.“ Sie schaut in die Ferne, als sie sich an die Momente zurückerinnert. „Beim Zoll in Drewitz, an der Grenze nach Westberlin, hat der Zöllner hinten abgeklopft am Auto. Wir hatten Glück, dass er uns einfach so weiterfahren ließ, ohne den Kofferraum zu öffnen.“ Der Fahrer, den Meister engagierte, war ein guter Freund. Er bekam 150 000 D-Mark dafür, dass er sie mehrere Male durch Ostdeutschland fuhr. Das Geld hat sie zum Teil geerbt und von Freunden bekommen. „Vier Wochen später habe ich die gleiche Tour mit seiner Familie gemacht. Sein 10-jähriger Sohn war mit Schlaftabletten voll, damit er ruhig blieb.“ Sie gestikuliert mit ihren Händen: „Oh, mir stand das Herz bis zum Hals. Ich war so aufgeregt, ich habe so gezittert. Wenn sie uns entdeckt hätten, wäre ich ins Zuchthaus gekommen und meine Kinder ins Waisenhaus.“

          Die Stasi hat ihn gezwungen

          Auf die Frage, warum sie das Risiko eingegangen ist, überlegt sie nicht lange. „Ich hab’s gemacht, um meinen Bruder und seine Familie zu retten. Mein Bruder hat Geschäfte mit den Russen gemacht, die verboten waren. Wenn er nicht getürmt wäre, wäre die Stasi in der Nacht gekommen.“ Ihr Bruder war in Ostberlin Student, der sich mit Schwarzarbeit Geld dazuverdiente. Im Rahmen dieser Arbeit hat er als Architekt Zeichnungen angefertigt. Sein Mitbewohner hat ihn verraten, weshalb die Stasi ihn gezwungen hat, als Agent zu arbeiten. „Entweder arbeitest du für uns oder gehst in den Knast.“ Um seine Familie zu schützen, ließ er sich vorsichtshalber von seiner Frau scheiden. In Westberlin, als sie alle herübergebracht wurden, hat er sie erneut geheiratet. Als Agent in der DDR war es ihm verboten, Kontakt mit seinen Geschwistern aus Westberlin aufzunehmen. „Wir haben uns trotzdem ein paarmal getroffen, und da bekam er Warnungen. Manchmal hat er uns absichtlich ignoriert, wenn er wusste, dass er beobachtet wurde. Da haben wir noch nicht gewusst, warum er das macht und so tut, als ob er uns nicht kennt.“ Irgendwann wurden die Warnungen zu viel, und er musste türmen. „Er wollte uns nichts davon verraten, was er macht, auch danach nicht. Er sagte, es wäre besser, wir wüssten nicht zu viel. Wir wissen nur, dass er in den Fall Guillaume verwickelt war.“

          Über den Fall Guillaume

          Ihr Mann läuft im Hintergrund durch den Flur und stoppt, um noch etwas zu trinken anzubieten. Christiane Meister verneint, ihre Tasse mit Wasser ist noch unberührt. Stattdessen fragt sie ihn, wie Guillaume geschrieben wird. „Das ist ein französisches Wort“, grinst er, buchstabiert den Namen und geht die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hoch. Der Fall Guillaume war 1974 ein bedeutender Spionagefall, in dem einer der engsten Mitarbeiter von Bundeskanzler Willy Brandt, Günter Guillaume, als DDR-Agent des Ministeriums für Staatssicherheit enttarnt wurde. Inwiefern der Bruder von Christiane Meister in den Fall verwickelt war, ist nicht genau bekannt. Nach der Flucht hat er sich im Notaufnahmelager Marienfelde gemeldet, preisgegeben, dass er ein Agent war, und seine Geheimdokumente vorgelegt. Daraufhin wurde er aus Sicherheitsgründen im Amerikanischen Quartier untergebracht, damit ihn niemand töten konnte. Etwa drei Wochen wurde er von den Amerikanern verhört. „Ein Jahr lang hat er dann bei mir in Steglitz gewohnt“, sagt Christiane Meister. Ihr Bruder hat danach als Baudirektor einer Firma in Westberlin gearbeitet, weil er Kenntnisse als Architekt, Bauingenieur und Statiker besaß. Mittlerweile ist er jedoch verstorben.

          In Helmstedt wurde der Schein kontrolliert

          „Wir haben seine Sachen ebenfalls aus dem Osten mitgenommen. Wir bekamen einen Transitschein, den man einhalten musste. Wenn man ihn nicht eingehalten hat, haben sie an den Grenzübergängen gefragt, wo wir denn waren“, deutet sie drohend mit ihrem Zeigefinger, ihr Lächeln verändert sich nicht. Ein Transitschein galt für eine festgelegte Strecke und Uhrzeit. Christiane Meister bekam einen Transitschein für die Strecke Westberlin–Helmstedt, wo sich der wichtigste Grenzübergang zwischen der DDR und der BRD befand. In Helmstedt angekommen, wurde der Schein kontrolliert und überprüft, ob die Uhrzeit mit der Zeit, die man für die Strecke brauchte, übereinstimmte. Für die Rückfahrt mussten sie einen weiteren beantragen. „Wir sind von der Transitstrecke weg, die für uns gedacht war, und sind nach Sandersdorf, wo alle Sachen waren. Dort haben wir also alles eingeladen, Geschirr und so weiter, und sind nach Helmstedt, um den Transitschein einzulösen. Das haben wir zweimal gemacht. Beim zweiten Mal kam uns die Volkspolizei entgegen. Zum Glück hat er uns nicht angehalten. Ich dachte wirklich, jetzt fliegt alles auf“, schüttelt sie den Kopf.

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