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Idealistisches Modelabel : Mit Mode armen Kindern helfen

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Zwei Monate in der brasilianischen Favela haben einen bayrischen Studenten umdenken lassen. Seitdem tut Moritz etwas gegen die Ungleichheit.

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          Die Menschen schauten mich komisch an – wussten nicht, was ich dort suche.“ Moritz Maier ist 24 Jahre alt. Vor allem die kurzen hellen Haare und blauen Augen lenkten die Blicke der Einheimischen auf ihn. Maier, der heute in Marquartstein in Oberbayern wohnt, verbrachte 2019 nach Abschluss seines Bachelor-Studiums zwei Monate in einer Favela in Florianópolis im Südosten Brasiliens. Bei vielen Leuten ruft dieser Ort ein Bild von spektakulären Stränden und üppiger Natur hervor. Doch für Kinder, die dort aufwachsen, bedeutet es oft ein Leben in Armut. Maier arbeitete ehrenamtlich in der Schule der gemeinnützigen Organisation Acam, um den Kindern vor Ort helfen zu können. Mitarbeiter der Organisation holen die Kinder aus oft schweren sozioökonomischen Verhältnissen in einen geschützten Lern- und Sozialbereich. Sie bekommen das Gefühl, in Zukunft die Favelas verlassen zu können. Weg von Drogen und Gewalt.

          Dass sie sich nicht gegenseitig umbringen

          „Ich wusste nicht wirklich, was ich erwarten soll“, erinnert sich der in Velden an der Vils geborene und mit vier Geschwistern aufgewachsene Masterstudent im Bereich „Entwicklungsforschung“. „Vor dem Eingang der Favelas stand eine Wache.“ Durch enge Gänge, zwischen kaputten Häusern, Müll und Gestank gelangte man zu dem Gebäude der gemeinnützigen, nicht staatlichen Organisation mit Schwerpunkt auf schulischer Bildung und psychologischer Hilfe. Hier erfahren Kinder, die in den Favelas im Südosten Brasiliens oft als Halb- oder Vollwaisen aufwachsen, fundamentale Werte. Sie besuchen eine Schule und lernen, was es heißt, ehrlich, respektvoll und solidarisch behandelt zu werden und diese Werte nach außen hin zu vertreten. „Man bringt den Kindern nicht Danke und Bitte bei, sondern versucht, dass sie sich nicht gegenseitig umbringen.“

          Die Mutter sitzt im Gefängnis

          Gleich am ersten Tag in der Favela machte sich Moritz Maier viele Gedanken über die Ungleichheiten in der Welt. „Ich hätte gleich anfangen können zu weinen“, erzählt er, als er von der ersten Begegnung mit den Kindern spricht, die so viel weniger Glück in ihrem Leben hatten. Als er an einem Tag in die Schule kam, erklärte eine Lehrerin einem Mädchen gerade, dass sie heute nicht mehr nach Hause kann. Ihre Mutter hatte im Supermarkt Lebensmittel für ihre Familie geklaut und saß jetzt im Gefängnis. Aus dem Fenster des Gebäudes blickt man über kaputte Straßen und den Berg hinunter auf das Meer. An den Straßenrändern stehen beschädigte Häuser und selbstgebaute Hütten aus Planen und Restbauteilen. Die Menschen leben oft auf engstem Raum, mit einer fehlenden Infrastruktur und unter schlechten hygienischen Bedingungen. Im Gegensatz zu dem für ausgelassenen Karneval und spannende Fußballspiele bekannten Rest Brasiliens ist in den Favelas die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger Mann vor dem Erreichen des 21. Lebensjahres verstirbt, um bis zu 80 Prozent höher.

          Mit zwei Modedesign-Studentinnen

          Zurück in Deutschland, in seiner Heimatgemeinde Marquartstein, konnte Moritz Maier nicht mehr länger warten, er wollte handeln. „Scheiß auf das Geld, ich muss helfen“, beschloss er im Juli 2019 und gründete, finanziert durch diverse Nebenjobs, sein eigenes Social Start-up, ein Modelabel, das Secondhand-Klamotten aufwertet und 25 Prozent des Umsatzes an Bildungsprojekte spendet. 2020 erweiterte er sein Ein-Mann-Team durch zwei Modedesign-Studentinnen. „Ich habe überlegt, wie man vor allem junge Menschen zum Spenden animieren kann. Wofür geben junge Leute gerne Geld aus?“, sagt er. Zu dem Interview erscheint er in einem weißen Shirt aus der ersten eigenen Kollektion, einer grauen Stoffhose und einer braunen Ledertasche unter dem Arm. Durch das Modelabel werden nicht nur Bildungsprojekte für Kinder aus dem globalen Süden wirtschaftlich unterstützt, auch das Motto und der Firmenname „Hic Sunt Leones“ soll die Menschen ermutigen, Grenzen zu überwinden und ihren Horizont zu erweitern. Der Schriftzug, der früher auf römischen Landkarten an Stadträndern zu finden war, lässt sich mit „Hier gibt es Löwen“ übersetzen. Für Maier, der noch an der Universität Passau studiert, bedeutet dies „Hier gibt es Gefahren“, nur innerhalb der Grenzen fühlt man sich sicher. „Aber wer sagt denn, dass die Löwen böse sind? Lern die Löwen doch erst mal kennen, vielleicht sind sie ja auch ganz cool!“ Viele Kinder, die in Armut, mit Drogen und Gewalt aufwachsen, haben nicht die Möglichkeit, ihre Grenzen zu überwinden. Sie müssen Geld verdienen, oft auch auf illegalem und gefährlichem Wege, um ihre Familie unterstützen zu können.

          Seine Freunde sehen ihn vor dem Burnout

          Mit „der Hoffnung und dem Willen, die Welt positiv und nachhaltig zu verändern“, möchte der Leiter der Geschäftsentwicklung eines veganen Restaurants in Breitbrunn diese Botschaft verbreiten und weniger privilegierten Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen. In diesem Restaurant sitzt er jetzt am anderen Ende eines Tisches und erzählt von dem prägenden Aufenthalt in Brasilien. Normalerweise wird der Raum mit dem Geruch von dampfendem Kaffee erfüllt. Jetzt wirkt er verlassen. Der letzte Kunde betrat am 1. November 2020 das Restaurant. Der Frühstücksbereich wurde zu einem kleinen Lager für Stühle, Bücher und Unterlagen umfunktioniert. Wie an vielen Orten scheint auch hier die Zeit wie stehengeblieben. Aufgrund des Lockdowns sind hier nur noch Bestellungen per Abholung möglich. Zwischen acht und vierzehn Stunden täglich nehmen das Label, das Studium und diverse Jobs ein. Um sich diesen Winter nur auf seine Projekte fokussieren zu können, macht er eine Pause von seinem Studium. „Meine Freunde sagen, ich stehe kurz vor einem Burnout“, gibt er zu. Bald möchte er sein Modelabel als Designer-Label für nachhaltige Mode weltweit bekannt machen und damit noch mehr Kindern die Chance auf eine bessere Zukunft ermöglichen.

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