https://www.faz.net/-gum-8kdj8

Hospiz : Noch einmal ein Pferd streicheln

  • -Aktualisiert am

Bild: Moni Port

Im Hospiz St. Peter geht es um ein gutes und würdevolles Leben bis zuletzt. Die Wünsche der Todkranken stehen im Mittelpunkt des Oldenburger Hauses.

          3 Min.

          Im Eingangsbereich des Oldenburger Hospizes St. Peter steht das Brückenlicht, eine eiserne Skulptur in deren Fokus eine Kugel ist, die sich aus allen Buchstaben des Alphabets zusammensetzt. In der Kugel steht eine Kerze, die angezündet wird, wenn ein Bewohner verstorben ist. Diese Kerze brennt so lange, bis der Bewohner vom Bestatter abgeholt wird. Im Hospiz gibt es zwölf Einzelzimmer und zwei Gästezimmer, in denen Angehörige übernachten können. Sie können aber auch in den Zimmern der Bewohner schlafen.

          Spenden und Benefizveranstaltungen

          Im Hospiz sind 27 Mitarbeiter und 25 Ehrenamtliche tätig. Einige von ihnen arbeiten hier nach eigener Krankheit oder wollen einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. „Hospizarbeit ist nicht einfach nur ein Job“, betont Geschäftsführerin Anna Wiechmann-Faida, die seit der Gründung des Hospizes St. Peter 1995 als zweites Hospiz Niedersachsens hier arbeitet. Das Haus finanziert sich zu 90 Prozent durch die Krankenkassen und zu zehn Prozent aus Spenden, die durch Angehörige, Privatleute und Benefizveranstaltungen eingebracht werden. Um die Spenden aufbringen zu können, müssen im Jahr drei bis fünf Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen oder Kunstausstellungen organisiert werden.

          In Hospizen werden keine Langzeitpflegefälle aufgenommen, sondern solche, bei denen die Therapie beendet und der Tod in absehbarer Zeit zu erwarten ist. Die Mitarbeiter kümmern sich auch um die Angehörigen, beraten sie und begleiten sie während ihrer Trauer. Auch durch das gemeinsame Frühstück, an dem Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige teilnehmen, entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen allen Beteiligten.

          Im Durchschnitt 52 Jahre alt

          „Das statistische Durchschnittsalter der Bewohner 2014 betrug 52 Jahre“, sagt die 59-jährige Leiterin. Die jüngste Bewohnerin war erst 17 und der älteste Bewohner 101 Jahre alt. „Durchschnittlich bleiben die Bewohner höchstens 14 Tage im Hospiz“, berichtet Margret Klünemann, die ehrenamtlich hilft. „Doch kam es auch schon vor, dass einige schon auf der Fahrt in das Hospiz oder nach wenigen Stunden Aufenthalt verstorben sind.“ Einige Bewohner sterben aber erst nach ein paar Monaten Aufenthalt. Daneben gibt es seltene Fälle wie Dorit (Name geändert). Sie kam sterbenskrank ins Hospiz und verbrachte dort 14 Monate. Danach konnte sie wieder nach Hause und lebt nun mit ihrer Krankheit.

          Den frühen Tod der Mutter verarbeiten

          Margret Klünemann war Krankenschwester und schon selbst krank. Als sie in Rente ging, machte sie eine Ausbildung als Hospizbegleitung. Auch Karin van Langen engagiert sich ehrenamtlich: „Als ich 59 Jahre alt war, wurde mir bewusst, dass ich ein gutes Leben hatte. Nun wollte ich durch ein Ehrenamt etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Ich entdeckte eine Annonce für ein Hospizseminar und nahm teil. Auch dadurch konnte ich endlich den frühen Tod meiner Mutter verarbeiten.“ Auch Leiterin Wiechmann-Faida hat früh ihre Mutter verloren. Sie war damals Krankenschwester und pflegte ihre Mutter zu Hause. Später hat sie Gerontologie studiert. „Für Hospizarbeit ist es wichtig, etwas Eigenes erlebt zu haben“, erklärt sie.

          Mit dem Malen begonnen

          Die Ehrenamtlichen begleiten die Bewohner auf ihrem Weg zum Sterben. „Einmal gab es hier einen Hufschmied. Sein Wunsch war es, noch einmal ein Pferd zu streicheln. Da wir immer versuchen, die Wünsche der Bewohner zu erfüllen, haben wir ein Pferd besorgt“, sagt Margret Klünemann. Die Ehrenamtlichen gehen mit Bewohnern, die noch einigermaßen mobil sind, in die Stadt. „Dort treffen wir immer auf unerwartet viel Hilfsbereitschaft anderer Menschen“, berichtet Karin van Langen, die seit zwölf Jahren ehrenamtlich tätig ist. Die 71-Jährige erinnert sich an Bernd. Er habe sich zunächst im Hospiz gelangweilt. Karin brachte ihn auf die Idee, mit dem Malen anzufangen. Es stellte sich heraus, dass er gut malen konnte, schnell hing sein Zimmer voller selbst gemalter Bilder. Bei einem Ausflug mit Bernd sah Karin ein Pferdeplakat und bat ihn, dieses für sie zu malen. Er zögerte. Nachdem Bernd verstorben war, entdeckte sie das gemalte Plakat, auf dem „für Karin“ stand. „Jede Begleitung ist etwas Besonderes. Je länger die Bewohner im Hospiz sind, desto enger ist die Beziehung zu ihnen, so dass der Tod von solch liebgewonnenen Bewohnern besonders weh tut.“

          In seiner Werkstatt blühte er auf

          Anna Wiechmann-Faida erinnert sich gut an einen etwa 50 Jahre alten, schwerkranken Mann, der eine Werkstatt besaß. „Als er zu uns kam, konnte er kaum gehen. Er hatte einen Sohn und eine Ehefrau. Sein letzter Wunsch war, in der Werkstatt alles zu regeln, so dass sein Sohn diese übernehmen konnte.“ Dieser Wunsch war aufgrund seines Gesundheitszustandes eigentlich unmöglich. „Aber bald konnte er durch die Linderung der Symptome einige wenige Schritte gehen und in Begleitung eines Hospizmitarbeiters mit einem Krankenwagen nach Hause gebracht werden. Wir merkten, wie er in der Werkstatt aufblühte.“ Der Mann suchte ein halbes Jahr lang jeden Tag seine Werkstatt auf und arbeitete dort sechs Stunden vom Rollstuhl aus. „Um dies zu ermöglichen, haben wir alle pflegerisch medizinischen Tätigkeiten auf die Nacht verlegt.“ Eines Tages berichtete, der Mann, dass alles fertig sei. So konnte er beruhigt sterben.

          Weitere Themen

          Joshua Kimmich darf nach Corona-Infektion Quarantäne verlassen

          Corona-Liveblog : Joshua Kimmich darf nach Corona-Infektion Quarantäne verlassen

          Spahn: „Würde mit dem Wissen von heute manches anders entscheiden“ +++ Österreich beendet Lockdown für Geimpfte und Genesene +++ Ciesek: „Entwicklung eines an Omikron angepassten Impfstoffs sinnvoll“ +++ Bahn verschärft 3-G-Kontrollen +++ Entwicklungen zur Pandemie im Corona-Liveblog.

          Tödliche Ablehnung

          Pflegeheim : Tödliche Ablehnung

          In einem Thüringer Pflegeheim sind 28 Menschen an Corona gestorben - die meisten hatten keinen Impfschutz. Auch viele Angehörige lehnten eine Impfung der Senioren offenbar ab.

          Topmeldungen

          Jetzt sind alle ernannt: Kanzler Olaf Scholz und sein Kabinett beim Bundespräsidenten.

          Scholz-Regierung : Der Auftrag der Ampel

          Das Virus hat der neuen Bundesregierung vor dem Start eine wichtige Lektion erteilt. Sie sollte sie beherzigen.
          Was hat Wladimir Putin in der Ukraine vor?

          Ukraine-Krise : Russlands wunde Punkte

          Neue westliche Sanktionen könnten Russland hart treffen – aber auch in Ländern wie Deutschland Schaden anrichten, das von russischem Gas abhängig ist.