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Hilfe im Township : Englisch lernen und essen

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Ein Schweizer Paar engagiert sich in den Townships Südafrikas: Der Matimba Day Care gibt armen Kindern ein zweites Zuhause.

          3 Min.

          Es ist 6.30 Uhr morgens. Für 110 Kinder der südafrikanischen Stadt Lulekani fängt der Schultag an. Er beginnt mit einem Haferbrei zum Frühstück für jedes einzelne Kind. Dies ist die erste der drei Mahlzeiten, die die Kinder hier am Tag erhalten. Die Eltern zahlen dafür umgerechnet knapp zehn Euro im Monat. Das ist insbesondere in dieser Umgebung alles andere als selbstverständlich, da es sich bei diesem Teil von Lulekani um eine der ärmsten Gegenden Südafrikas handelt. Sie verfügt weder über eine Strom- noch über eine Wasserzufuhr. Die meisten der Bewohner leben in kleinen Häusern mit Wellblechdächern. Wenige Kinder bekommen die Chance auf eine Ausbildung. Die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 34 Jahren findet keine Arbeit und hat somit keine Chance auf soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Doch die Kinder des „Matimba Day Care“ mit ihren blauen Schuluniformen lassen sich davon nicht beirren. Sie genießen den Tag mit Fußballspielen, Zeichnen oder Schlafen. Zwischen den vielen schwarz gelockten „Bantu Knots“ der Kinder sticht eine Weiße mit ihrem blonden langen Haar ins Auge. Bei der Frau mit dem sympathischen südtirolerischen Akzent handelt es sich um die Gründerin des Kindergartens, Daniela Kofler-Scattolin. 2018 hat ihre Familie den Kindergarten aus eigener Tasche errichtet. Nun lebt der „Matimba Day Care“ hauptsächlich von Spendengeldern aus Europa, „da die Schulgebühren einfach nicht ausreichen“, wie die Gründerin darlegt.

          Der promovierte Jurist leitet die Safaris

          Mit ihrem Ehemann lebt die dynamische 55-Jährige in der naheliegenden Stadt Phalaborwa. Nach vielen Reisen nach Afrika hatten sie sich 2006 dazu entschieden nach Südafrika auszuwandern. Ursprünglich arbeitete die gebürtige Südtirolerin als Fotografin und war spezialisiert auf „Food Photography“. Nun leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann ihre eigene Lodge in der Nähe des Kruger Nationalparks, von der sie regelmäßig Township-Führungen zum Kindergarten startet. Daneben bieten sie auch Safaris in die Wildnis Südafrikas. Ihr Mann ist promovierter Jurist, doch sein erster Berufswunsch war Biologe. Diese Leidenschaft kann er nun in seiner Wahlheimat voll ausleben. Alberto Scattolin leitet die Safaris. Man bekommt seine Faszination während der Fahrt deutlich zu spüren. Besonders die Nachtsafaris sind bei den Touristen beliebt. Die vielen, hauptsächlich italienisch sprechenden Touristen bringen die nötigen Spendengelder, von denen der „Matimba Day Care“ abhängig ist.

          Gönner und Gäste bauten den Spielplatz

          Der Kindergarten selbst besteht aus zwei Gebäuden. Alle Wände sind bunt bemalt mit Disney-Figuren, dem Logo des Kindergartens und einem Zitat Nelson Mandelas: „Education is the most powerful weapon which you can use to change the world.“ Selbst die Toilette in der Mitte des Schulhofs ist vollkommen gelb mit einer ins Auge stechenden knallroten Türe. Den Kinderspielplatz, der erst kürzlich fertig geworden ist, haben Südtiroler Freunde, Gönner und Gäste der Lodge in ihrem Urlaub mit eigenen Händen geschaffen. Im Kindergarten arbeiten mehrere Aufsichtspersonen, die den Kleinen die englische Sprache näherbringen, doch es mangelt an kompetentem Personal. Die Lehrpersonen haben oft selbst keine richtige Ausbildung. Die Angestellten sind aus der Umgebung Lulekanis und kommunizieren mit den Kindern in ihrer Muttersprache Xitsonga. Sie bekommen hier die Chance, etwas zu verdienen, auch wenn es sich nur um umgerechnet 35 Euro im Monat handelt. Das schlecht ausgebildete Personal ist aber nicht das einzige Problem, mit dem Daniela Kofler-Scattolin zu kämpfen hat. Denn genauso wie die Stadt verfügt auch die Schule weder über fließendes Wasser noch eine Stromzufuhr. Wasser wird mit Lastwägen geliefert. Neuerdings hat der Kindergarten Tanks, in denen das Wasser gespeichert wird. Die Installation einer zuverlässigen Wasserversorgung ist jedoch vorerst unwahrscheinlich.

          Den ganzen Tag auf dem Boden, Stühle fehlen

          Auch die Zahl der Kinder bereitet Sorge. „Es sind nicht für alle genügend Stühle vorhanden, so dass manche den ganzen Tag auf dem Boden sitzen müssen.“ Durch die mangelnde Stromversorgung gibt es keine Klimaanlagen – und dies bei Höchsttemperaturen von bis zu 40 Grad Celsius. Doch den zwischen drei Monaten und fünf Jahre alten Kindern merkt man das nicht an, ihre muntere Einstellung ist erstaunlich. Alltagssorgen und -probleme sind zumindest bei ihnen nicht auf den ersten Blick erkennbar. Zu Hause sieht das bei einigen Kindern jedoch etwas anders aus. Zwei dieser Kinder sind seit einem Jahr ohne Eltern, da diese bei einem Feuer ums Leben kamen. Die Mutter rettete die beiden Kinder, schaffte es selbst aber nicht mehr rechtzeitig aus dem Haus. Seitdem leben die Kinder bei Verwandten und werden dank der Organisation Daniela Kofler-Scattolins finanziell von einer südtirolischen Familie unterstützt.

          Durch den Kindergarten bekommen sie die Chance neben ihrer Muttersprache Xitsonga die Grundlagen der englischen Sprache zu lernen. Dies ist vor allem in der weiterführenden Schule von größter Wichtigkeit. Im „Matimba“, was übersetzt so viel wie Kraft oder Stärke bedeutet, bekommen die Kinder nicht nur eine wertvolle Ausbildung, sie erleben auch Spaß und Freude in einer Umgebung, die stark geprägt ist durch Armut und Prekarität.

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