https://www.faz.net/-gum-z4nb

Heimunterricht : „Unsere Kinder leben im Verborgenen“

  • -Aktualisiert am

Das sei ein durchaus normaler Weg unter Schulboykotteuren, sagt Dagmar Neubronner, die selbst jahrelang mit den Behörden in Bremen kämpfte und mit ihrem Mann inzwischen je eine Hälfte des Jahres in Spanien und in Frankreich verbringt, um ihre beiden Söhne im Alter von elf und 13 Jahren ungestraft zu Hause unterrichten zu können. In der Szene ist sie so bekannt, dass sie jede Woche mehrere Stunden am Telefon sitzt und anderen Eltern Tipps gibt. „Leider müssen viele Familien Deutschland verlassen – nicht nur offiziell, sondern tatsächlich.“

Eltern, die für ihre Überzeugungen ins Gefängnis gehen

Mitunter lassen sich die Ämter mit einer schlichten Bescheinigung verwirren. Es gibt Dutzende Fälle, in denen die Eltern ihre Kinder aus der staatlichen Schule nehmen und bei einer Überprüfung das Zertifikat einer privaten Schule in einem anderen Bundesland vorlegen. Ob diese tatsächlich existiert, wird von den Beamten meist nicht überprüft.

Die von Helmut Stücher gegründete Philadelphia-Schule in Siegen stellt solche Zertifikate aus. Offiziell sind dort 300 Schüler eingeschrieben, tatsächlich aber erschöpft sich das Engagement der Schule in kaum mehr als grundlegenden Hinweisen zum Heimunterricht. Und die Clonlara-Schule in Deggenhausertal am Bodensee, der deutsche Ableger eines amerikanischen Homeschooling-Netzwerks, zeigt auf ihrer Internetseite zwar gemeinsam spielende Kinder, in Wirklichkeit sei aber selbst der Begriff „Fernunterricht“ eine Übertreibung, gibt Karen Kern, Sprecherin der Schule, zu. „Wir verschicken kein Unterrichtsmaterial oder dergleichen. Unsere Familien melden sich einfach an, zahlen die Gebühren und bekommen dafür das Zertifikat und eine Beratung.“ 210 Schüler waren demnach im vergangenen Jahr an der Clonlara-Schule angemeldet.

Familien, die von den Behörden in den Ruin getrieben werden; Kinder, die von der Polizei zur Schule gebracht werden; Eltern, die für ihre Überzeugungen ins Gefängnis gehen – Mike Donnelly, der Anwalt der „Homeschool Legal Defense Association“, zählt gern spektakuläre Fälle auf, um die Hilfe seiner Organisation für deutsche Schulverweigerer zu rechtfertigen.

Für das Recht kämpfen, selbst zu entscheiden

Die Defense Association, die in den Vereinigten Staaten erreicht hat, dass Homeschooling inzwischen in allen 50 Bundesstaaten gestattet ist, steht nicht allein in ihrem Beistand für Schulboykotteure. Auch andere Organisationen sind aktiv. In den Bundesstaaten Georgia und Tennessee haben sogar die Parlamente Resolutionen verabschiedet, um die deutsche Regierung zu einer Lockerung der Schulpflicht zu bewegen. Nicht zufällig unterstützt die Defense Association deshalb auch eine Familie aus Baden-Württemberg, die nach Tennessee gezogen ist, um Geldstrafen und dem Entzug des Sorgerechts in ihrer Heimat zu entgehen. Anfang des Jahres wurde der Familie offiziell Asyl gewährt, allerdings läuft noch das Berufungsverfahren.

Stephanie und Jan Edel freuen sich über die Hilfe aus Amerika. Aber ihrer Meinung nach kommt ihre Sache erst dann richtig voran, wenn die Verfechter des Heimunterrichts nicht in der Illegalität verschwinden, sondern für das Recht kämpfen, selbst zu entscheiden. „Aber die Leute denken vor allem an ihre eigenen Kinder. Sobald die aus der Schule heraus sind, ist für sie der Kampf zu Ende.“ Für die Edels ist er das nicht – auch wenn ihre eigenen Kinder nach mehr als sieben Jahren des Heimunterrichts inzwischen staatlich anerkannte Schulen besuchen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ökonom Gabriel Felbermayr : „Trump hat dem Welthandel bisher nicht geschadet“

Der Ökonom Gabriel Felbermayr hat seine Meinung geändert: Zölle findet er nicht mehr so schlimm wie früher. Im Interview erklärt er, wie Deutschland mit Amerika und China umgehen sollte und warum es eine Digitalsteuer braucht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.