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Heimatmuseum : Schweizermesser aus Speckstein

  • -Aktualisiert am

Es gibt Waffen und Feuersteine und die Kinder dürfen im Museum Wetzikon die Messer wetzen. Ein kultureller Abstecher in die Schweiz.

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          Als der Landwirt Jakob Messikommer im Winter 1858 am Ausfluss des Pfäffikersees an einer Bachverbauung arbeitet, stößt er im Wasser auf seltsam anmutende Pfähle. Der bekannte Schweizer Dichter gräbt vorsichtig weiter und legt Pfosten und andere Fundstücke frei. Bei der Ausgrabung zeigt sich, dass er auf die Überreste einer jahrtausendealten jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlung gestoßen war. Seine Entdeckung sollte sich als eine der bedeutendsten Fundstätten der damaligen Zeit herausstellen und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Messikommers Funde, von Fruchtresten über Textilien und Tierknochen bis hin zu Werkzeugen und Waffen, bildeten den Grundstein für die Antiquarische Gesellschaft Wetzikon, aus der das heutige Museum hervorging. Es ist in einem zweistöckigen, aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Haus mit grünen Fensterläden untergebracht.

          Eine reiche römische Raststätte

          Gabriela Flüeler leitet das Haus. Sie hat an der Universität Zürich prähistorische Archäologie studiert und arbeitete als Flugbegleiterin bei der damaligen Swissair. Reisen sei neben der Geschichte ihre zweite große Leidenschaft. „Als Flight Attendant kam ich in der Welt herum, konnte mal in New York in ein Museum oder in Südafrika auf einen Markt gehen“, erklärt die 52-Jährige. „Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich hier Mädchen für alles sein kann. Ich hole neue Exponate ab, mache Führungen, bestimme die Ausstellungen, organisiere alle Anlässe und bin für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dieser Job ist vielseitig, das gefällt mir.“ Es gibt eine Abteilung mit römischen Exponaten, denn einst führte eine römische Straße durch Wetzikon. Nahe dieser wurde eine reiche römische Raststätte ausgegraben mit Fresken und Bodenheizung. Außerdem findet sich in der Nachbargemeinde Pfäffikon das Römerkastell Irgenhausen.

          Mechanisch Tippen und Mehl mahlen

          Etwa 1000 Besucher kommen jährlich ins Museum, das nur zwei Tage im Monat regulär geöffnet hat. Besuche außerhalb dieser Zeiten erfolgen nach Anmeldung. Vormittags kommen regelmäßig Primarschulklassen. „Die Kinder, meistens zwischen neun und zwölf Jahren, sollen Geschichte erleben.“ Gabrielea Flüeler bietet Workshops an. „Wir behandeln dann zum Beispiel das Thema Schrift, von Keilschrift bis Kalligraphie, schauen uns alte Bücher und Postkarten an. Auf einer mechanischen Schreibmaschine können die Kinder versuchen, etwas zu schreiben. Da werde ich schon mal gefragt: Sie, wo ist denn hier die Korrekturtaste?“ In einem anderen Kurs geht es darum, mit Hilfe historischer Geräte Mehl zu mahlen, um Fladenbrot zu backen, oder altes Handwerk mit historischen Werkzeugen näherzubringen.

          Nicht nur schauen und zuhören müssen

          Es gibt einen Werkraum, in dem die Kinder mittels Feuersteinen oder durch Feuerbohren mit Zunder versuchen können, ein Feuer zu machen. Specksteine liegen bereit, die darauf warten, von fleißigen Händen zu Steinmessern oder Pfeilspitzen verarbeitet zu werden. Aus Bast werden Fäden geflochten, woraus Fischernetze oder Siebe entstehen. Es gibt einen Forschungstisch, an dem die Besucher das Alter von Holz ermitteln und die Jahresringe zu interpretieren lernen. „Wichtig ist, dass die Kinder selbst etwas tun können und nicht nur schauen und zuhören müssen. Ich will die Geschichte fassbar machen“, sagt die Leiterin.

          Näherbringen, nicht wegschließen

          Wenn immer möglich, öffnet sie daher Vitrinen und Schränke und lässt die Besucher Exponate in die Hand nehmen, etwa eine Chronik aus dem 17. Jahrhundert. Der Zweck eines Museums sei ja schließlich, den Leuten das Ausgestellte näherzubringen und nicht wegzuschließen. Das Haus verfügt über 15000 Bücher und Objekte wie Briefe, Postkarten und Gebrauchsgegenstände, die Auskunft über das Leben unserer Vorfahren geben. „Leider haben wir nicht genügend Platz, um alles auszustellen. Deshalb wechseln wir jedes Jahr die Ausstellung.“

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