https://www.faz.net/-gum-a25yi

Hausbesetzerin in Barcelona : Angst vor Schlägertrupps und der Familie

  • -Aktualisiert am

In Spanien herrscht große Wohnungsnot . Hausbesetzerin Cora findet es normal, seit zwei Jahren keine Miete zu zahlen. Das ist keine ungefährliche Aktion.

          3 Min.

          Die Spekulation hat ein entmenschlichendes Extrem erreicht“, sagt die Anthropologin Cora (Name geändert) aus Barcelona. Mit 23 Jahren begann Cora, die als Bäckerin arbeitet, sich zusammen mit anderen dafür einzusetzen, die Zwangsräumungen in der Stadt zu stoppen. Seit 2000 erlebt Barcelona eine Wohnungskrise. Gefördert von der knappen Wohnungsverfügbarkeit und dem Tourismus, steigen die Mietpreise immer höher. Vor allem in den populären Innenstadtvierteln wie im Raval oder im gotischen Viertel haben Vermieter entdeckt, wie lukrativ Ferienwohnungen sind. Viele versuchten, durch steigende Mieten einkommensschwache Mieter loszuwerden. Seit vergangenem Jahr lebt Cora als illegale Hausbesetzerin. Sie habe schon seit langer Zeit Gedanken gehabt, sich mit dieser Bewegung zu solidarisieren, sagt die 25-Jährige, es gebe zu wenig Hausbesetzungen, dafür zu viele unbewohnte Häuser und zu viele Menschen, die hohe Schulden haben oder auf der Straße leben, die diese leerstehenden Wohnungen nutzen könnten. Jon Bilbao Urquijo, Stadtrat für Wohnen im Rathaus von Bilbao, ist gegen die Besetzung von Wohnungen, doch er erkennt, dass es eine Wohnungskrise gibt. Ein Recht auf Wohnung gibt es nur in einigen Regionen in Spanien wie im Baskenland oder Katalonien. Trotzdem meint der Stadtrat, dass Spanien zu wenige Sozialwohnungen habe. Während in Europa im Schnitt 10 Prozent der Wohnungen Sozialwohnungen seien, sind es in Spanien nur 1,7 Prozent. Sogar die Städte, die am meisten sozialen Wohnungsbau haben, wie Bilbao oder Barcelona, sind weit vom europäischen Durchschnitt entfernt. So sind nur 3 Prozent der Wohnungen in Bilbao staatliche Wohnungen. In Städten wie Wien erreicht diese Zahl bis 50 Prozent.

          Städtische Teilpacht und soziale Miete

          Auch Villen, Hotels, Industriehallen und Masías, wie die katalanischen Landhäuser heißen, Klöster und sogar unvollendete Häuser werden besetzt. Insgesamt gibt es zwischen 85 000 und 95 000 besetzte Gebäude. Es gibt auch Abkommen mit dem Besitzer der Wohnung. Ein Beispiel dafür ist die städtische Teilpacht. Dabei leiht der Besitzer oder die Besitzerin einer Person ein Haus für eine bestimmte Zeit aus, das normalerweise eine Renovierung braucht. Im Austausch dafür muss der Besetzer das Haus für den Besitzer renovieren. Die soziale Miete, bei der der Staat die Miete von armen Menschen bezahlt, ist auch eine Option. Ein Haus zu besetzen ist keine ungefährliche Aktion. In Spanien sind mehrere Firmen entstanden, die sich am Rande des Gesetzes bewegen. Firmen in Barcelona haben die Diskussion angeheizt, als sie bei mehreren Anlässen Schlägertypen genutzt haben, um die Hausbesetzer zu zwingen, die Wohnung zu verlassen. „Es ist das Unmoralischste, was man machen kann“, versichert Stadtrat Urquijo. Er verstehe, dass niemand möchte, dass seine Wohnung besetzt wird. Aber man müsse sich in solchen Fällen an das Recht halten – so wie immer. Cora hat so etwas selbst erlebt. „Wir hatten viel Angst.“ Die Frau mit den Dreadlocks berichtet, dass letzten Endes die Polizei kommen musste, um die Schläger aus dem Hauseingang zu vertreiben, aber es könnte auch sein, dass die Polizei nur deswegen kam, um die kleine Demonstration aufzulösen, die Cora und ihre Mitbewohnerinnen organisiert hatten, um sich gegen die Schläger zu wehren.

          Oft kommt es zu Konflikten mit Nachbarn

          Die Hausbesetzung verstößt gegen ein Hauptrecht der spanischen Verfassung. Artikel 33 schreibt vor, dass jeder Spanier das Recht auf Eigentum hat. Jon Bilbao Urquijo erklärt, dass, solange man nichts Illegales in der Wohnung unternimmt oder zerstört, es keine großen legalen Folgen gibt. Man werde in den meisten Fällen nur mit kleinen Geldstrafen bestraft. Aber man kommt ins Strafregister. Öfters kommt es zu Konflikten mit den Nachbarn der besetzten Wohnung. Cora kennt den Fall eines Sozialzentrums, das von den Nachbarn mehrmals mit Blumentöpfen und Hundekot beworfen worden sei. Sie meint aber auch, dass in den meisten Fällen die Vorurteile der Nachbarn gegenüber den Besetzern nicht lange dauern. „Sie begreifen schnell, dass deine neue Wohnung keine Drogenhöhle ist, sondern dein Zuhause.“ Sie und ihre Mitbewohnerinnen führten trotz der heiklen Situation ein ganz normales Leben. Sie hätten sogar einen Fernseher mit einem Netflix-Account, wo sie „Adventure Time“ ansähen. Der einzige Unterschied zwischen einer vermieteten und einer besetzten Wohnung sei, dass man im besetzten Haus keine Miete bezahle und man sich illegal Wasser und Strom aus dem öffentlichen Netz nehme, niemals von privaten Wohnungen. Cora meint, sie hätte als Hausbesetzerin das Zusammenleben mit anderen Menschen gelernt. Sie hätte außerdem etwas über Instandsetzungen und Instandhaltungen gelernt. Vor allem habe sie als Teil dieser Bewegung eine Empathie entwickelt, die sie vorher nicht hatte. „Ich habe um Selbstmörder wegen Zwangsräumungen getrauert, mich in Gefahr begeben, als die Polizei eingriff, und blutende Freundinnen ins Krankenhaus gebracht.“ Sie habe den Frust und die Trauer der Betroffenen geteilt und viele schwierige Momente mit ihnen durchlebt. Ihre Familie habe zunächst einige Zeit gebraucht, um sich an diese neue Lebensart ihrer Tochter zu gewöhnen. Am Anfang hätten ihre Eltern und ihr Bruder viele kritische Kommentare gemacht, aber letztendlich haben sie ihre Lebensweise akzeptiert. Cora sagt, dass sie viel Glück habe, denn viele junge Hausbesetzer würden von ihren Familien niemals akzeptiert. Für viele sei diese Lebensform ein endgültiger Abschied.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Viel Freizeit gibt es nicht“: Cihan Çelik vor dem Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Ich bin etwas desillusioniert“

          In seiner Klinik wurden in dieser Woche schon mehr Corona-Patienten betreut, als Richtwerte der Politik vorsehen. Lungenarzt Cihan Çelik über frustriertes Personal, die Nachlässigkeit der Ungeimpften und Patienten, die ausgeflogen werden müssen.
          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

          Michel Houellebecq : „Ich war süß und hübsch“

          In einer erstmals auf Deutsch veröffentlichten Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 2005 schreibt der französische Schriftsteller über das Verhältnis zu seiner Mutter und darüber, wie es seine Beziehung zu Frauen prägte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.