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Jugend schreibt : Als Erstsemester schikaniert und froh

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Bild: Moni Port, LABOR, Frankfurt

Diese gewöhnungsbedürftige Tradition an Portugals Universitäten reißt nicht ab: Wer bei der Praxe mitmacht, muss sich unterordnen. Medizinstudentin Inês nimmt das sportlich.

          Aufruhr im Schnellrestaurant: Dutzende unheimlicher Menschen in schwarzen Kapuzen drängen schreiend herein. Jeder weiß sofort: Es ist kein Angriff, es ist der Beginn der Praxe. Als ein dunkel gekleideter Mann brüllt: „Frischlinge, wer mitmachen will, kommt jetzt mit!“, stehen an die hundert der hier versammelten Medizin-Studenten des ersten Studienjahrs auf. Unter ihnen ist Inês Rocha Ferreira. Die 18-Jährige studiert seit September an der Medizinischen Fakultät der Universidade da Beira Interior (UBI) in Covilhã im nordöstlichen Portugal. „Es war der Sonntag vor dem Schulanfang. Wir wollten zusammen zum Abendessen gehen, also haben wir im Facebook abgemacht, uns im McDonald’s im Serra Shopping zu treffen.“ Sie hatten nicht erwartet, dass die Studenten aus dem vierten Jahr auf einmal in Schwarz auftauchen würden.

          Die Praxe ist eine alte Tradition der portugiesischen Universitäten, die grundsätzlich darin besteht, die Erstsemester zu schikanieren. Ihren Ursprung hat sie im 17. Jahrhundert, obwohl es damals eher um Verbrechen als um Streiche ging. „Es gibt strikte Regeln. Man muss nicht nur die Veteranen respektieren, sondern ihnen auch gehorchen“, erklärt Inês. Auf Kommando sagt sie die acht Grundgesetze auf: Erste Regel: Frischling ist nur einer (Caloiro é só um). Zweite Regel: Herdengeist (Espírito de manada). Dritte Regel: Sich immer durchschlagen. Vierte Regel: Respekt ist sehr schön. Fünfte Regel: Entlassen heißt nicht gelassen. Sechste Regel: Der Frischling ist asexuell. Siebte Regel: Frischling verrät keinen Veteranen. Achte Regel: Schwarz brennt. Jeder, der teilnehme, müsse die Regeln im Schlaf können.

          Imperatorum mit absoluter Macht

          Manche Regeln verstehen sich von selbst, andere nicht. Das erste Gesetz handelt von der Einheit der Neulinge: „Wenn einer etwas Falsches macht, müssen alle leiden.“ Oder das achte, das mit „Schwarz brennt“, meint, dass die Erstsemester die Älteren in ihrer typischen schwarzen Studententracht nicht einmal berühren dürfen. Es gibt „genauso wie im Militär“ eine feste Hierarchie. Die Gesetze und Titel unterscheiden sich je nach Universität. In Covilhã gilt zum Beispiel: „Die im ersten Studienjahr – in Portugal spricht man stets von Studienjahren statt Semestern – sind die Frischlinge, die im zweiten Jahr sind die Meister, im dritten Jahr sind Großmeister, im vierten die Veterane, im fünften die Konsule, und ab dem sechsten heißt man Senadorum.“ Die absolute Macht hat der Imperatorum, der mit der höchsten Anzahl an Semestern.

          Bei gewissen harten Aufnahmeriten gibt es manchmal Unfälle, die zur Debatte über die Abschaffung der Praxe führten. So sind am 15. Dezember 2013 sechs Studenten der Universidade Lusófona de Lisboa ertrunken, als sie bei einer Mutprobe nachts ins kalte Meer an der Praia do Meco baden gegangen sind. „Bei uns gab es noch keinen einzigen Unfall. Natürlich wird es manchen übel, wenn sie etwas Anstrengendes machen, aber man darf zu jeder Zeit aufhören. Die meisten älteren Studenten sind sehr vorsichtig und zwingen uns sogar abzubrechen, wenn wir es selbst nicht wollten. Und sie wissen von unseren gesundheitlichen Problemen. Schon am ersten Tag mussten wir ein von ihnen konzipiertes Formular ausfüllen, sowohl mit unseren Kontaktinformationen als auch mit unseren Allergien und solchen Sachen, damit sie sicher sind, dass nichts passieren kann“, erklärt die zierliche Inês.

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