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Komponistin Sarah Nemtsow : Haarnadeln für die Saiten des Klaviers

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Oboistin Sarah Nemtsov komponiert zeitgenössische Musik und sucht Reibungsflächen. Talent war für sie eher ein Manko, erzählt die Musikerin.

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          Neue Musik, das sind doch nur komische Klänge, irgendwie komisch aneinandergereiht – so äußern sich viele, wenn man sie befragt, was sie unter Neuer Musik verstehen. Einen Einblick in die Welt der Neuen Musik gibt die 40-jährige Komponistin Sarah Nemtsov, die mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann, dem studierten Pianisten und Professor für Geschichte jüdischer Musik, Jascha Nemtsov, in Berlin wohnt. Die zeitgenössische Komponistin ist 1980 in Oldenburg geboren und in „einem Haus voller Musik aufgewachsen“, wie sie erzählt. Dort lebte sie mit ihrer alleinerziehenden, freiberuflichen Mutter, der Malerin Elisabeth Naomi Reuter. Unter ihnen wohnte ihre Vermieterin. Sowohl die Mutter als auch die Vermieterin prägten das Kind musikalisch: Von ihrer Mutter lernte Sarah Nemtsov erste Klaviergrundlagen. „Ich erinnere mich, wie ich schon sehr früh, ich glaube, da war ich fünf, am Klavier saß, mir Geschichten ausgedacht habe und dazu nach Klängen gesucht habe. Das war eines meiner Lieblingsspiele.“ Später nahm das Mädchen bei der Vermieterin Klavier- und Blockflötenunterricht, weil diese erkannt hatte, dass „ich das alles blitzschnell erfassen konnte“. Des Weiteren wirkte sie in einem von der Vermieterin initiierten Barockensemble mit. Die Musik war nie mit Druck oder Drill verbunden, ihre Lehrerin „legte viel Wert auf Freude und Innigkeit in der Musik. Ich bin einfach immer wieder die Treppe runtergelaufen und hab musiziert.“

          Das Gefühl, ich kann nichts anderes

          Das Interesse wuchs. „Ich bin auch zur Oboe gewechselt, weil mir das Repertoire für Blockflöte dann doch zu klein war“, gibt Nemtsov zu, obwohl sie Blockflöte trotzdem liebe. Sie begann in Orchestern zu spielen, sich für Jazz zu interessieren und Musik aufzuschreiben. Das Kompositionsstudium nahm sie 1988 als Jungstudentin in Hannover auf. Nach dem Schulabschluss folgte das reguläre Studium im Fach Komposition und ergänzend Oboe in Hannover. Von 2003 bis 2005 führte sie ihr Oboenstudium an der Universität der Künste in Berlin fort, während sie für den Studiengang Komposition bis zu ihrem Diplom weiterhin in Hannover blieb. Später wechselte sie ganz nach Berlin und legte dort auch ihr Diplom im Fach Oboe ab. Ihre Begabung betrachtet Nemtsov aus einer ungewöhnlichen Perspektive: „Viele bezeichnen ein Talent ja als großen Pluspunkt, aber für mich ist das eher ein Manko, weil ich oft das Gefühl habe, ich kann gar nichts anderes. Ein Vorbild war meine Mutter, weil ich genau so wie sie schon immer ein bisschen Außenseiter war und sie sich in der Kunst eine Stimme geben konnte.“

          „Häufig habe ich eine Intuition“

          Sarah Nemtsov führt in ihren Stücken wie „Dropped.drowned“ von 2017 traditionelle Orchesterinstrumente wie Harfe oder Trompete mit modernen Elementen zusammen. Ein Beispiel ist das sogenannte präparierte Klavier, das in diesem Stück mehrfach zum Einsatz kommt. Hier spielt der Pianist oder die Pianistin nicht wie üblich die schwarzen und weißen Tasten des Flügels, sondern auch die schwingenden Saiten im Korpus des Klaviers werden „gespielt“. Die einzelnen Saiten werden mit Haarnadeln abgeklemmt oder mit einem Wasserglas berührt, sodass besonders metallische Klänge entstehen. Wie Stücke, zum Beispiel „Dropped.drowned“, entstehen, kann Nemtsov fast schon Schritt für Schritt erklären. Das Komponieren ist bei ihr meist an Vorgaben gebunden, da viele der Kompositionen Auftragswerke sind. Durch Bedingungen wie eine spezielle Besetzung, Länge oder einen besonderen Kontext wird ihr ein Rahmen gesetzt. „Da setze ich dann an und gucke, was mich interessieren könnte. Häufig habe ich eine Intuition, wo ich mit diesem Stück hinwill. Manchmal gibt es schon bestimmte Klänge in mir. Dann gucke ich, wie ich mit denen arbeiten kann, und suche Reibungsflächen. Das können bestimmte Themen oder andere Kunstwerke sein, und da kommen dann auch die außermusikalischen Sachen rein.“ Um ein Thema zu finden, lässt sich Sarah Nemtsov von der bildenden Kunst, der Literatur oder anderer Musik inspirieren, auch gesellschaftlich-politische Themen können eine Rolle spielen. Sie nehme dabei mitunter persönliche Erfahrungen mit auf.

          „Einfach wie im falschen Film“

          So hat Nemtsov in einem ihrer Stücke beispielsweise „eine Fuge reingeholt, weil es für mich sinnvoll war“, und in ein anderes indische Klänge integriert. Zwar mussten in den vergangenen Wochen und Monaten Proben und Aufführungen ihrer Stücke aufgrund der Pandemie abgesagt werden, aber unter finanziellen Problemen leide sie deswegen nicht. Auf die Frage, warum sie sich auf Neue Musik spezialisiert habe, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: „Wenn ich heute klassische Musik komponieren würde, wäre das, als ob ich Schreibmaschine tippen oder Kutsche fahren würde. Das macht man zwar mal antiquarisch, aber da fühlt man sich dann einfach wie im falschen Film. Das wäre ja wie rückwärts.“ Die Sprache und das Leben entwickelten sich auch weiter, und Gleiches gelte für die Musik. Deswegen schmunzelt sie über die Bezeichnung „komische Klänge“. „Etwas ist ja nur komisch gegenüber irgendeiner Konvention, und das ist ja dann wie alles im Leben.“ Neue Musik unterscheide sich in vielerlei ­Hinsicht von klassischen Werken, aber das sei auch normal. „In 200 Jahren sind unsere Klamotten, die wir jetzt cool finden, auch komisch. Denn letztlich sind das alles nur Gewohnheiten.“

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