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Google Street View : Das Stehaufmädchen aus Worcester

  • -Aktualisiert am

Ein Mädchen spielt tot Bild: dpa

Sie hat nur tot gespielt. Doch genau in dem Moment fuhr der Google-Wagen vorbei und machte Fotos für den umstrittenen Bilderdienst Street View. Nun ist das englische Mädchen Azura Beebeejaun berühmt.

          3 Min.

          So sehen Wohngegenden in England aus. Die Straßen sind gesäumt von Häusern aus rotem Ziegelstein. Weiße Fensterrahmen, Mülltonnen im Vorgarten. Auf beiden Seiten parken Autos. Kein Hotel, keine Bar, keine Prominenten-Villa in dem bescheidenen Vorstadt-Idyll, die man sich mal schnell im Internet ansehen möchte. Und dann ist da doch etwas auf dieser Straßenszene aus Worcester im Bilderdienst Google Street View zu sehen, das irgendwie nicht dahin gehört.

          Im Sommer vergangenen Jahres war ein Google-Street-View-Auto in der britischen 90 000-Einwohner-Stadt unterwegs, dem Verwaltungssitz der Grafschaft Worcestershire und dem Geburtsort der berühmten Würzsoße. Es war ein sonniger Tag, als der Wagen durch die Middle Road fuhr. Ziegelsteinhäuser links, Ziegelsteinhäuser rechts, die Autos – alles wie immer. Die Fotos wurden im März ins Internet gestellt. Und die Anwohner trauten ihren Augen nicht, als sie in der virtuellen Welt durch ihre Straße spazierten und sich ihre kleine Welt aus großem Google-Blickwinkel anschauten: Hinter einem roten Auto liegt auf dem Gehsteig – ein Körper. Er scheint leblos. Ein Mädchen wahrscheinlich, das lange dunkle Haar im Nacken zusammengenommen. Es liegt auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, die Beine schlaff. Ein Schuh liegt im Straßengraben, der andere unterm Bein. Wurde es von einem Auto angefahren? Ist es bewusstlos? Gar tot? Hat Google im Land von Agatha Christie und Sherlock Holmes einen Mord festgehalten?

          Unzählige komische Schnappschüsse

          Die Phantasien erblühen um den Online-Dienst, dessen 360-Grad-Aufnahmen auch in England umstritten sind. Schon mehrmals hat sich der kommerziell motivierte Späh-Service schon als nützlich in öffentlichen Angelegenheiten erwiesen. Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland, nennt das Beben im italienischen L’Aquila. Wenige Wochen bevor dort im April 2009 die Erde zitterte, Hunderte unter den Trümmern begraben und 67 000 Menschen obdachlos wurden, war das Google-Auto durch die Stadt in den Abruzzen gefahren. „Für die Helfer waren die Bilder hilfreich, da sie sich ein Bild über die Beschaffenheit der Häuser machen und so eher abschätzen konnten, wo nach Vermissten zu suchen ist.“

          „Ich wünschte, sie wäre immer so ruhig”, sagt die Mutter
          „Ich wünschte, sie wäre immer so ruhig”, sagt die Mutter : Bild: dpa

          Der neue Google-Dienst hat unzählige unfreiwillig komische Schnappschüsse zu bieten. In Wolverhampton wurden der 16 Jahre alte Eddie und die 17 Jahre alte Hayley aufgenommen, wie sie an einer Böschung am Straßenrand liegend ihren ersten Kuss austauschten, statt gemeinsam für die Schule zu lernen – Eddies Vater erfuhr von der Liaison durch den Bericht über das Foto in der örtlichen Zeitung. Am Eagle Point Drive in Sherwood (Arkansas) sieht man, wie im Hintergrund ein Haus brennt und einige Leute entsetzt zuschauen. Zu den Favoriten der britischen Internetszene gehört ein Bild aus Coventry, wo vom Google-Auto aus ein anderes Google-Auto fotografiert wurde, auf dem ein Mann hockt – der mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist. Vom Netz genommen wurden schon ein Mann, der in London in einen Sex-Shop geht und ein weiterer, der sich auf der Straße übergeben muss. Websites wie „StreetViewFun“ oder „Streetviewr“ kommen gar nicht damit nach, die lustigsten Fotos aufzulisten – vom Mann mit Pferdemaske am Straßenrand in Aberdeen bis zur Statue in Lissabon, die einen Softdrink in der Hand hält.

          Entwarnung per Zeitung: „I'm alive!“

          Auch in Worcester, wo man sich darüber wundert, dass der Google-Fahrer angesichts des Anblicks nicht anhielt, nahm die Geschichte eine komische Wende. Saira Beebeejaun, eine 43 Jahre alte Jugendarbeiterin, die in der Middle Road zu Hause ist, hörte vor wenigen Wochen von Nachbarn von dem Foto. Sofort dachte sie daran, so sagte sie der „Daily Mail“, dass es sich bei dem Mädchen um ihre Tochter Azura handeln könnte.

          Die neun Jahre alte Azura spielt oft draußen auf der Straße, sagt ihre Mutter. Als das Google-Auto im Sommer 2009 durch die Middle Road rollte, spielte Azura gerade „tot“. Sie war hingefallen, als sie ihrer Spielkameradin hinterher lief und dachte, es sei lustig, sich tot zu stellen. Die mittlerweile zehn Jahre alte Schülerin sagte dem Sender „Fox News“, sie erinnere sich daran, dass im Hintergrund ein Auto vorbeigefahren sei. Aber natürlich habe sie nicht gewusst, dass das Auto Fotos machte. Der junge Star, der es kaum erwarten kann, den Schulkameraden von der Geschichte zu erzählen, posiert in der Online-Ausgabe der „Daily Mail“ mit einem ähnlichen Kleid, wie sie es zu dem Zeitpunkt getragen hatte. In der Bildunterschrift die Entwarnung: „I’m alive!“

          Bei Beschwerden schwärzt Google

          Google-Sprecher Keuchel sagt, dass auch diese Bilder grundsätzlich im Internet bleiben. Wenn sich ein Nutzer über den Button „Problem melden“ beschwert, wird das Foto dann eingeschwärzt. Ein Update von Straßenszenen, die einen solch komischen Moment festhalten, gebe es aber nicht. Auch sammelt Google solche Bilder nicht etwa: „So lustig sind wir dann auch wieder nicht.“ Zumindest Azuras Mutter nimmt es mit Humor. Zu dem Bild ihrer Tochter meinte sie: „Ich wünschte mir, sie wäre immer so still.“

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