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Goethe als Gärtner : Wo Goethe Steine schleppte

  • -Aktualisiert am

Bild: Monika Aichele

Im Garten kommt man dem Menschen Goethe nah, findet Angelika Schneider. Sie ist in Weimar für die Gärten des Dichters und leidenschaftlichen Gärtners zuständig.

          5 Min.

          Gärten können viele Geschichten erzählen“, sagt Angelika Schneider. Die Gartendenkmalreferentin steht im Weimarer Park an der Ilm neben Goethes Gartenhaus, einem weißen, im 16. Jahrhundert erbauten Weinbauernhaus. Es hat ein graues Holzschindeldach, an der südlichen Giebelwand wächst Wein, an der Nord- und Westseite ranken Tapetenrosen. Vor dem Hauseingang befindet sich ein sternförmiges Mosaikpflaster, von dem ausgehend ein von bunten Malven umrahmter Kiesweg durch Goethes Garten verläuft. Die frühe Morgensonne scheint durch die dicht belaubten Bäume am Hang hinterm Haus über das weite Grün des Parks. Seit 1987 ist die studierte Landschaftsarchitektin bei der Klassik Stiftung Weimar als Referentin für Gartendenkmalpflege tätig und heute zuständig für die beiden Gärten Goethes am Gartenhaus und am Stadthaus in Weimar, wo sie zuvor zunächst drei Jahre als Gärtnerin arbeitete. „Ein Gartendenkmal ist immer ein lebendiges Denkmal, wodurch sich meine Arbeit vielfältig gestaltet“, sagt die 63-Jährige. Zu praktischen Aufgaben zählt es beispielsweise, den Bestand zu begutachten oder die Arbeitsabläufe der Gärtner zu kontrollieren. Ebenso nimmt sie einen Bildungsauftrag wahr, indem sie Inhalte für Führungen, Publikationen, Vorträge oder Ausstellungen aufbereitet. „Durch die vielfältige Arbeit bilde ich mich ständig weiter“, freut sie sich. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, dass der Garten möglichst so erhalten wird, wie er sich zu Zeiten Goethes präsentierte.

          Das Grundstück schenkte ihm der Herzog

          „Die Vielgestaltigkeit ist das Charakteristikum von Goethes Garten am Gartenhaus“, schwärmt Schneider über den sogenannten Garten am Stern. „Seine Einheit wird in der Harmonie der verschiedenen Gartenbereiche erreicht: dem Gemüsegarten, dem Obstgarten und dem englischen Gartenteil.“ Das Grundstück bekam Goethe von Herzog Carl-August geschenkt. Die Malvenallee führt durch den westlichen Teil des Gartens und wird von einer Lindenallee gekreuzt, an deren Ende eine Sitzecke mit weißen Garnituren eingerichtet ist. In diesem Teil wurden damals Erdbeeren und Gemüse wie Spargel oder Rüben angebaut, was jetzt so allerdings nicht möglich sei, da dieser Anbau intensive Pflege benötige. Auf den Rabatten blühen violette Glockenblumen, gelbe und blaue Schwertlilien sowie rosafarbenes Seifenkraut. Am Ende der Malvenallee führt ein steiler Treppenweg zur Streuobstwiese. Hier stehen Obstbäume wie Äpfel, Birnen, Kirschen oder auch Walnüsse. Am schattigen Hang hinter dem Haus gelangt man zu dem von Eichen, Ahorn, Kiefern, Linden und Kastanien dicht bewachsenen englischen Teil des Gartens. Am Sitzplatz, den der Dichter 1782 für seine gute Freundin Charlotte von Stein, ähnlich einem Altar, errichtet und ihr gewidmet hat, erklärt Schneider: „Von dieser Stelle aus konnte Goethe, bis zum Bruch ihrer Freundschaft 1786, oft zusammen mit Charlotte von Stein über den Garten und die weitläufigen Ilmauen bis hin zur Stadt blicken.“

          Recherche mit Tagebüchern, Briefen und Rechnungen

          Auch wenn die Grundstrukturen des Gartens seit Goethes Einzug 1776 die gleichen geblieben sind, ist das Ziel, das frühere Aussehen des Gartens möglichst genau zu rekonstruieren, noch nicht erreicht. „Jedes durch die Forschung neu entdeckte Detail vervollständigt das Bild über den Garten ein Stück weiter. Das Forschen ist wie ein Puzzlespiel“, erklärt die Denkmalpflegerin. Zu den bereits durchgearbeiteten Quellen wie Tagebüchern, Briefwechsel, Rechnungen Goethes zieht sie historische Pläne, Bildmaterial und Reisebeschreibungen heran. Aber noch immer tauchen auch heute unerforschte Quellen auf. „Goethe hat sein Leben gut dokumentiert der Nachwelt hinterlassen.“ Aus Goethes Korrespondenz mit seiner Ehefrau Christiane Vulpius oder seinem Sohn August erfährt man einiges darüber, welche Pflanzen sich wo im Garten befanden, oder auch, dass damals Tiere wie Hühner und Hasen dort lebten, die der Sohn umsorgte. Aufgrund ihres starken Interesses an Geschichte und Kunstgeschichte liebt Schneider besonders die detektivische Spurensuche im Archiv.

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