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Gnadenhof : Alles begann mit Kaltblut Paul

  • -Aktualisiert am

Ein ausgesetztes Kalb, kuschelnde Kühe, mutige Esel und einsatzfreudige Helfer: Ein Paar führt einen Gnadenhof mit 92 Tieren.

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          Wenn Emil, Emmy und die anderen morgens Hunger haben, gibt es großes Gezeter. „Dann lebt der Ziegen- und Schafstall, alles steht, und selbst die Kuh schreit mit“, schildert Dagmar Ziegler lachend. Auch drinnen im Haus hört man es deutlich, und jeder weiß, dass die Raubtierfütterung ansteht. So beginnt der Morgen von Dagmar Ziegler und ihrem Mann Holger Bauer, die die Kirschhofer Tierarche in Heusweiler leiten. Ziegler hatte zuvor nebenbei als Küchenchefin bei der Landespolizei gearbeitet, doch nachdem ihr Mann einen schweren Unfall hatte, musste sie diese Arbeit aufgeben. Der gelernte Bergmann arbeitete 13 Jahre unter Tage. Er schulte auf Energieanlagen-Elektroniker um, machte seinen Meister. Bis zu seinem Unfall hatte er die technische Leitung der Haustechnik bei der Arbeiterwohlfahrt für sechs Pflegeeinrichtungen.

          Auflagen des Veterinäramtes

          Der Hof existiert seit sechs Jahren, seit vier Jahren darf er offiziell als Gnadenhof bezeichnet werden. Dafür muss der Hof Auflagen des Veterinäramtes erfüllen. Beispielsweise müssen eine sichere Versorgung und artgerechte Unterbringungsmöglichkeiten gewährleistet werden, und es muss ein Tierregister geführt werden. Die Tiere leben auf dem riesigen Gelände meist im Freien. Bei schlechtem Wetter haben alle einen Stall, in den sie sich zurückziehen können. Reiten und Kutschfahren zählten schon immer zu Holger Bauers Hobbys. Seine Frau hat sich Fachwissen durch Lesen angeeignet. Alles begann mit Kaltblut Paul. Bauer rettete ihn am Vatertag vom Schlachter, obwohl er eigentlich ein ganz anderes Pferd haben wollte. So konnte Paul, der gerade einmal ein halbes Jahr alt war, dem Schicksal, das den meisten Luxemburger Ardennern blüht, entkommen. Diese werden in der Regel nämlich für ihr Fleisch gezüchtet.

          Wegen Tod, Trennung, Umzug, Kündigung

          Zurzeit leben 92 Pferde, Ponys, Kühe, Esel, Ziegen, Minischweine, Gänse, Hühner, Enten, Kaninchen, Katzen und Hunde auf dem Gnadenhof, und es werden immer mehr. „Die häufigsten Gründe, warum diese Tiere auf den Hof kommen, sind der Tod des Partnertieres, die Scheidung der Besitzer, berufsbedingte Umzüge oder kurzfristige Grundstückskündigungen. Die Leute wissen dann oft nicht, wohin mit ihren Tieren, und sind froh, wenn sie einen Platz finden“, erklärt Dagmar Ziegler. Die ehemaligen Besitzer statten ihren Lieblingen öfters Besuche ab und sind entzückt zu sehen, wie ihre einst so schüchternen Schützlinge unter Mitbewohnern aufblühen.

          Die Kirschhofer Tierarche arbeitet mit dem Tierschutz zusammen. So zogen Ziegen ein, die ursprünglich auf dem Balkon im achten Stock eines Hauses in der Saarbrücker Innenstadt lebten. Auch Eselhengst Emil ist ein Tierschutzfall. Der Zweijährige lebte in einer viel zu kleinen Box, die unter Müll begraben war. Nachbarn wurden auf ihn aufmerksam und meldeten den Fall. Dagmar Ziegler kaufte ihn und ermöglicht ihm ein Leben unter Artgenossen. Voraussetzung hierfür ist eine Kastration: Die Tiere sollen sich nicht vermehren und anderen Tieren, die Hilfe benötigen, den Platz wegnehmen. Nachdem die Rangherrschaft geregelt ist, leben sich die Neuzugänge schnell ein. Nicht immer wird dazu gekämpft. Ziegenbock Kasimir schaffte es allein dadurch, dass er hocherhobenen Hauptes über die Wiese stolzierte, innerhalb von drei Stunden vom Fremdling zum Bandenchef aufzusteigen. „Er tat gerade so, als hätte er noch nie woanders gelebt“, staunte die 38-Jährige.

          Schlachten als emotionale Erpressung

          Wer einmal auf den Hof kommt, bleibt dort bis zu seinem Lebensende. Des Öfteren rief das Paar einen Aufnahmestopp aus. Manche Besitzer schrecken nicht vor emotionaler Erpressung zurück, schicken Bilder ihrer Tiere mit dem Satz: „Wenn ihr ihn nicht holt, muss ich ihn zum Schlachter bringen.“Aus diesem Grund vermittelt Ziegler Tiere auch weiter. Allerdings nur die, die noch nicht den Gnadenhof betreten haben. „Jedes Tier bekommt einen Namen, auch wenn es bei den Schweinen manchmal schwerfällt, sie auseinanderzuhalten.“ Ziegler lacht. „ Es sind alles meine Lieblinge, da mach ich keine Unterschiede. Jedes Tier hat seine Geschichte, seine eigene Persönlichkeit und sucht sich auch seinen Bezugsmenschen, zu dem es immer kommt, weil es genau weiß, dass es dort sein Leckerchen bekommt.“

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