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Gitarrenlehrer : Spaß hat er trotzdem

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Vom Traum, Rockstar zu werden, hat sich Jürgen Grohs irgendwann einmal verabschiedet. Heute unterrichtet er im Stundentakt Gitarrenschüler und hat Freude an seiner Aufgabe.

          „Was ich am Unterrichten liebe, ist, dass man jeden Tag sieht: Es geht weiter, die entwickeln sich“, sagt Jürgen Grohs mit warmer Stimme. „Junge Menschen sind eine Herausforderung. Wenn ich meine Schüler so anschaue, weiß ich: Die haben ihr ganzes Leben noch vor sich.“ Von dem großen 45-Jährigen mit dem Silberohrring, der stets ein Grinsen auf den Lippen hat, würde man auch kaum erwarten, dass er mit seiner Arbeit unzufrieden wäre. In seiner kleinen Wohnung im beschaulichen Berlin-Friedenau hängen, stehen, lehnen und liegen Instrumente, neben Keyboard, E-Bass, Banjo und Ukulele vor allem verschiedene Gitarren. Der Geruch von alten Holzinstrumenten liegt in der Luft.

          Bruder am Schlagzeug

          Ursprünglich hatte der in Wittlich am Rand der Südeifel Aufgewachsene andere Berufspläne. Nachdem der damals 13-Jährige seine erste Gitarre geschenkt bekommen hat, nimmt er Unterricht in klassischer Gitarre. Allerdings hat er davon bald schon genug – der Jugendliche wollte die Musik spielen, die er selbst hörte und liebte. „Außerdem habe ich mit 16 Jahren den Entschluss gefasst, Rockstar zu werden.“ Das setzt er konsequent um, indem er sich durch Feldarbeit Geld für eine E-Gitarre samt Verstärker anspart, mit Kartoffeln und Rüben in den Händen, den großen Traum vor Augen. Danach gründet er mit seinem älteren Bruder und zwei Freunden seine erste Band. „Mein Bruder war damals allerdings der Einzige, der an seinem Instrument, also am Schlagzeug, was draufhatte“, lacht er.

          Nach mehreren Änderungen der Besetzung und einigen Auftritten erlangt der Lead-Gitarrist zunehmende regionale Bekanntheit. „Ich war als ,der mit den schnellen Fingern‘ bekannt. Zu der Zeit habe ich vier bis fünf Stunden am Tag geübt. Ich muss zugeben, dass es in meinem Dorf mit ’nem Fußballverein und der Jugendfeuerwehr als einzigen Freizeitangeboten eigentlich auch keine Alternative gab.“ Nach dem Abitur zieht er zum Studium ins nahe Trier: Germanistik, Psychologie, BWL sind seine Fächer.

          Erfolge und ein Rockförderpreis

          Um das Studium zu finanzieren, beginnt er mit 23 Jahren, Rock-Gitarrenunterricht zu geben: „Das hat mir von Anfang an Spaß gemacht. Wissen zu vermitteln, das gefiel mir schon immer gut.“ Er feiert mit seiner neuen Band Erfolge und gewinnt den Rockförderpreis von Trier. Obwohl er sich in verschiedenen Bands engagiert, bleibt der große Durchbruch aus. Nach elf Jahren hat er seinen Master of Arts in der Tasche und entschließt sich, seinen Nebenjob zum Hauptberuf zu machen: „Mir hat es Spaß gemacht, ich hatte gute Erfahrungen gesammelt und wollte gerne etwas mit Musik machen – wieso sollte ich also nicht einfach als Gitarrenlehrer weitermachen?“

          Was gefällt ihm an seiner Arbeit? Spaß, flexible Arbeitszeiten und der Kontakt zu jungen Menschen nennt Grohs, der auch in der Musikschule „simplay“ unterrichtet. Ein Nachteil sei die relativ schlechte Bezahlung. Sein Tagesablauf ist, wie es sich für einen BWL-Absolventen gehört, durchstrukturiert: Der Arbeitstag beginnt am frühen Nachmittag und endet spätabends.

          Interview auf dem Gymnastikball

          Im Stundentakt unterrichtet er einen oder zwei Schüler. Danach überarbeitet der Pädagoge seine Materialien, zum Beispiel Tabulaturen von Songs, oder schreibt neue. Seine Klientel ist vielfältig: vorwiegend männlich, aus allen Schichten und jeden Alters – von 7-Jährigen über Jugendliche bis zu Erwachsenen. Er selbst spielt in seiner Beatles-Coverband. Grübelnd fasst sich der Single, der gerne auf seinem blauen Gymnastikball sitzt, an seinen Drei-Tage-Bart: „Ich bereue nur manchmal, nicht Musik studiert zu haben. Musiktheorie hat mich später doch sehr interessiert. Aber damals hab ich halt nur Rock geliebt, und das wurde nicht gelehrt.“

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