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Eifler Pilzsachverständiger : Giftige Doppelgänger

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Stefan Elmer führt als Pilzsachverständiger durch die Wälder und blickt kritisch in Sammlerkörbe. Manchmal verhindert er so Schlimmes.

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          Die Faszination begann durch das Pilzesammeln mit meiner Mutter als Überlebenshilfe in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, das Interesse ist geblieben“, sagt Stefan Elmer. Zum echten Experten entwickelte er sich viel später: „Erst nach meinem Berufsleben als Maschinenbauer bin ich Pilzsachverständiger geworden.“ Der 85-Jährige ist als einer der wenigen Pilzsachverständigen im Kreis Neuwied im nördlichen Rheinland-Pfalz tätig, aber auch im vorderen Westerwald und in der Vordereifel ist er unterwegs und hat sich dort auf das Gebiet um den Laacher See spezialisiert.

          Der mittelgroße Mann mit Brille und kurzen, ergrauten Haaren ist seit 2003 Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, DGfM, das heißt mit Ausbildung, Prüfung und Qualifikation. „Es ist kein Beruf und wird von mir nicht gewerblich, sondern freiwillig und ehrenamtlich ausgeübt.“ In Deutschland haben unabhängig vonein­ander verschiedene Vereine sowie einige mykologische Arbeitsgemeinschaften eigene Richtlinien für die Ausbildung, Qualifikation und Prüfungsordnung entwickelt, da es keinen Bundesverband der Pilzberater oder eine ähnliche Organisation für Pilzsachverständige auf nationaler Ebene gibt. „Ein Hochpunkt für mich war, als ich nach den Lehrgängen in der Schwarzwälder Pilzlehrschau die Prüfung bestand. Diese war anstrengender als sämtliche berufliche Prüfungen“, erinnert sich Stefan Elmer. Das Zertifikat der DGfM muss durch Fort- und Weiterbildungen aktualisiert werden.

          Wichtige Aufgabe im Ökosystem

          „Entscheidend für die Faszination an der Pilzwelt ist, wie und durch was sie ausgelöst wird. Das kann das erste Pilzgericht sein, die unendliche Vielfalt fotografisch, riechend oder betastend selbst zu entdecken oder diese Sorten mit Büchern, Beratungen und Ähnlichem bestimmbar zu machen“, sagt er. „Meine Aufgabe ist es, das Bewusstsein für diese existenzwichtigen Wesen zu stärken und deren ökologischen Nutzwerte zu vermitteln.“ Pilze können sich auf unterschiedliche Weisen ernähren und nehmen eine für das Ökosystem wichtige Aufgabe ein. Neben ihrer Aufgabe als Saprophyten, also als organisch lebende Zersetzer von toter Biomasse wie Holz, Laub und Kadavern, dienen sie selbst als Nahrung für andere Lebewesen wie Schnecken, Insekten, Säugetiere oder dem Menschen. Auf nährstoffarmen Waldböden können Saprophyten die fehlenden Mineralstoffe durch die Zersetzung in den Boden zurückbringen. So entsteht ein nahrhafter Boden für Pflanzen, die wiederum von anderen Tieren als Nahrung genutzt werden. Zudem gibt es die Pilze, die über das Eindringen in die Wurzelzellen eine Symbiose mit Pflanzen eingehen, indem sie der Pflanze mehr Mineralstoffe zuführen können und im Gegenzug mit Zucker belohnt werden. Die meisten Pflanzen haben so einen Pilzpartner, zum Beispiel der bekannte Fliegenpilz die Birken. Schädliche Umwelteinflüsse haben auch für Pilze negative Folgen. Hierzu zählen Monopflanzungen, übermäßiges Düngen oder Klimaveränderung. Zum Beispiel gelten einige Lorchelarten schon seit Jahren als extrem selten oder stark gefährdet.

          Zu Saisonzeiten berät ein Pilzsachverständiger zu den Funden, zur Aufklärung von Vergiftungsfällen und macht Exkursionen. Elmer führt Lehrwanderungen mit bis zu 25 Leuten, die vom NABU, der Gemeinde oder sogar Apotheken ausgeschrieben werden. Dabei richtet er an die Hobbysammler die ein oder andere Warnung. „Oft gibt es Situationen, in denen Sammler mir Pilze vorstellen, die sie schon sicher zu kennen glauben, ihnen aber zuverlässig Bauchweh oder Schlimmeres beschweren würden.“

          Verwechslungsgefahr mit dem Kegelhütigen Knollenblätterpilz

          Beim Sammeln ist große Vorsicht geboten. Der Wald beherbergt nicht nur wohlschmeckende, gutverträgliche Sorten wie den Steinpilz oder den Parasol, sondern auch giftige wie den Grünen Knollenblätterpilz, magen-darm-giftige oder individuell unverträgliche Sorten. Einige Speisepilze haben aufgrund von Ähnlichkeiten giftige Doppelgänger, der Wiesenchampignon ist dafür ein Beispiel, ihm gleicht der Kegelhütige Knollenblätterpilz. Giftpilze fühlen sich vor allem in Laubwäldern wohl, wie etwa vereinzelte Sorten aus der Gattung der Wulstlinge oder Schleierlinge. „Ganz häufig befinden sich bei der Pilzberatung oder Pilzwanderungen auch unbekömmliche und giftige Pilze in den Körben. Jeder erkannte und ausgesonderte davon bewahrt vor Schlimmerem.“

          Lichte Mischwälder, Wiesen, Weg- und Waldränder sind Elmers bevorzugte Suchstellen. „Mit einem Pilzfreund habe ich den Pfahlwurzel-Stäubling gefunden, der wegen seiner Seltenheit gentechnisch bestätigt werden musste.“ Der seltene Fund wurde von den DGfM-Spezialisten bestätigt und gehört zur Familie der Bauchpilze. Er gilt als ungenießbar und wächst vereinzelt an Wegrändern. Bis jetzt sind nur wenige Funde in Deutschland bekannt. „So ein Fund bedeutet für pilzkundlich Fortgeschrittene ein besonderes Erlebnis“, sagt der Mykologe stolz. „Ist der erste Versuch, Interesse am Entdecken und Sammeln zu wecken, getan, wird man mit anderen Augen durch Wald und Flur gehen.“

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