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Gefängnisbeamter : Nicht so düster, wie sich das viele vorstellen

  • -Aktualisiert am

Bild: Phillip Waechter

Vieles ist Routine, manches ist nervenaufreibend. Ein Schweizer Gefängnisbeamter über seine Arbeit hinter Gittern, hinter denen 400 Gefangene leben.

          Du kriegst nicht einfach so den Schlüssel zu den Zellen in die Hand gedrückt“, sagt Felix Meyer (Name geändert). Der Weg zum Gefängnisbeamten hat es in sich. Zur Ausbildung gehören vier Jahre Berufslehre, Computerkenntnisse, das Beherrschen mindestens einer Fremdsprache sowie eine hohe Belastbarkeit, physisch wie mental. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Meyer im Pöschwies, der größten geschlossenen Justizvollzugsanstalt der Schweiz. In Regensdorf im Kanton Zürich gelegen, bietet diese Platz für mehr als 400 Gefangene, vorübergehend oder gar lebenslänglich. Trotz einer gewissen Ernsthaftigkeit und Distanz ist Meyers Passion für seine Arbeit spürbar. Der Alltag ist abwechslungsreich und stellt ihn immer wieder vor Herausforderungen. „Die Arbeit ist einerseits spannend und vielfältig, andererseits gibt es häufig nervenaufreibende Situationen, die die volle Konzentration abverlangen.“ Über den Dächern des Zürcher Oberlands auf dem Balkon erzählt er amüsiert die Anekdote eines Häftlings, der versucht hatte, mit Nähfaden und Büroklammer im Teich des Gefängnishofes zu fischen. „Es gibt auch unzählige bedrückende Momente von Insassen, die aus Protest zum Beispiel Suizidversuche begehen. Dies sind Eindrücke, die einen nicht so schnell wieder loslassen, jedoch zum Arbeitsalltag dazugehören.“ Emotionale Distanz prägt den Beruf.

          Sportplätze, Spazierhöfe und Gärtnerbetriebe zur Beschäftigung

          In der 1995 eingeweihten Strafanstalt sind volljährige männliche Straftäter untergebracht, die zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe, einer stationären Maßnahme oder einer Verwahrungsmaßnahme verurteilt worden sind. Nebst dem einzigartig hohen Sicherheitsstandard in dieser Anstalt ist das großzügige Gefängnisareal mit Dorfcharakter einmalig für die Schweiz. „Den Insassen stehen Sportplätze, Spazierhöfe, Gewerbe- und Gärtnerbetriebe als Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung.“ Meyer hält kurz inne und stellt klar, dass die Gefängnisatmosphäre nicht so düster und kalt ist, wie Außenstehende sich das vorstellen. Auf dem 11,8 Hektar großen Strafvollzugsgelände, das von einer 1,4 Kilometer langen Mauer umschlossen und mit modernster Technik überwacht ist, befinden sich acht Pavillons des Normalvollzugs und vier Abteilungen des Spezialvollzugs. Erstere sind Einzelhäuser mit Wohngruppen mit je 24 Plätzen. „Der Normalvollzug ist sozusagen das Standardangebot des geschlossenen Vollzugs. Insassen, die dort einquartiert sind, müssen konfliktfrei miteinander umgehen können, sich an Regeln halten, arbeits- und lernwillig sein“, erläutert Meyer, „es kann jedoch auch Ausnahmefälle geben, die Mühe haben, sich in die Umgebung einzugliedern. Für diese gibt es den Spezialvollzug.“ Dieser ist in mehrere Abteilungen aufgeteilt: einen Pavillon für den psychiatrischen Bereich, einen für Suchtprobleme und Kranke, einen Eintritts- und einen Sicherheitspavillon. Letzterer ist ebenfalls in mehrere Gruppen unterteilt. Zum einen gibt es die Gruppe für hohe Sicherheit, die Gruppe für Fluchtgefährdete und die Gruppe für Integration sowie die Abteilung für Krisenintervention. In der Mitte des Geländes liegen ein Gebäude mit Behandlungsräumen für Einzel- und Gruppentherapien, Schulungsräume und Büros, eine Bibliothek, ein Arztgebäude und ein Gebetsraum.

          Sie sollen das Leben nicht verlernen

          Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Pöschwies beträgt rund drei Jahre und kann bei guter Führung durch die vorzeitige Entlassung verkürzt werden. „Der Gefangene ist zur Arbeit verpflichtet. Die Arbeit hat, so weit als möglich, seinen Fähigkeiten, seiner Ausbildung und seinen Neigungen zu entsprechen“, zitiert der Beamte das Strafgesetzbuch. „Die Inhaftierten sollen während ihres isolierten Gefängnisaufenthaltes das Leben nicht verlernen“, erklärt der 47-Jährige. Der Vollzugsalltag gestaltet sich so realitätsnahe wie möglich. Meyer stellt die breite Palette an Arbeitsmöglichkeiten im Pöschwies vor: „Es besteht die Möglichkeit von handwerklichen Arbeiten. Viele geschlossene Anstalten besitzen Buchbindereien, Schreinereien, Druckereien oder Metallbearbeitungsstationen sowie auch innere Dienste in der Küche, Wäscherei oder Hausdienst.“ Für ihre Arbeit erhalten die Häftlinge ein Entgelt. „Wir versuchen, die Straftäter zu resozialisieren, um eine Rückfälligkeit in die Kriminalität zu vermeiden. Sie haben bei uns die Möglichkeit, eine Lehre oder zweijährige Attestausbildung, eine Anlehre für Menschen mit ungenügenden Voraussetzungen für eine Lehre, zu absolvieren.“ Die erfolgreiche Resozialisierung und das Fördern eines straffreien Lebens stehen im Vordergrund der 260 Mitarbeiter, die sich täglich um die Gefangenen kümmern.

          Inzwischen kann er Konflikte gut einschätzen

          Auf die Frage, wie es um die Aggressivität der Häftlinge stehe, verschränkt Meyer seine kräftigen Arme und schildert die Vorgehensweise bei Situationen, die drohen auszuarten: „Persönlich bin ich noch nie körperlich angegriffen worden, aber es kam immer mal wieder zu verbalen Auseinandersetzungen. Nach meiner mehrjährigen Berufserfahrung weiß ich mittlerweile solche Konflikte gut einzuschätzen, um Schlimmeres zu verhindern. Die einzigen Waffen, die wir haben, sind die Kommunikation und unsere Hände.“ Droht ein körperlicher Angriff, stehen den Beamten Pfefferspray, Elektroschockgeräte und ein Alarmsystem zur Verfügung. Später steht der handgreiflich gewordene Insasse unter Arrest und muss für 48 Stunden in den Bunker. „Dies ist ein separater, hellrosa gestrichener Raum, der eine beruhigende Wirkung haben soll.“ Meyer muss eingestehen, dass ihn dieser Beruf mehr beeinflusst als gedacht. Sein Sicherheits- und Beobachtungssinn sind viel ausgeprägter, das Meiden größerer Menschenmengen und das „Scannen“ seines Umfelds lassen ihn wachsamer durchs Leben gehen.

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