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Frankfurter Drogenkonsumraum : Dem Sog der Straße entkommen

  • -Aktualisiert am

Bild: Kirsten von Zubinski

Sie zeigen, was sie haben, Heroin oder Crack, und wissen, was sie dann unter Aufsicht tun dürfen. So retten wir Leben, sagt der Leiter des Drogenkonsumraums.

          3 Min.

          Ein großes Gebäude aus dunkelbraunem Ziegelstein im Frankfurter Ostend, etwa zehn Kilometer vom Bahnhofsviertel entfernt. „Eastside“ prangt als Graffito auf der Mauer . Der Name steht für die europaweit größte Drogenhilfeeinrichtung des Trägervereins „Integrative Drogenhilfe e.V.“ In der Schielestraße 26 befindet sich einer der vier Drogenkonsumräume der Mainmetropole. „Das Café befindet sich im ersten Stock“, ruft eine junge Frau. Sie sitzt mit ein paar anderen Leuten auf einer Bank im Hof. Über eine knarrende Holztreppe gelangt man in das Kontaktcafé im ersten Stock. Essensduft steigt in die Nase, sobald man die schwere Metalltür öffnet. Ein großer, heller Raum, Billardkugeln prallen aneinander, das Licht eines Fernsehers flackert. Vor dem Tresen stehen Tische, an denen gerade zu Mittag gegessen wird. Die Atmosphäre ist angenehm. Nur dass sich hier nicht ältere Damen zum Kaffee treffen, sondern Menschen, die durch ihr Schicksal verbunden sind: ihre Sucht. „Die Leute können sich hier dem Sog der Straße entziehen, besonders dem Druck des Bahnhofsviertels. Sie entschleunigen hier“, erklärt Christoph Lange. Er ist Leiter des 2004 eröffneten Drogenkonsumraums. Sein Büro liegt neben dem Café, so können sich die Suchtkranken jederzeit an ihn wenden, was ihm wichtig ist. Seine offene, herzliche Art im Umgang mit ihnen ist begleitet von einer angemessenen Distanz. „Das Drogenumfeld ist ein hartes. Der Umgang mit den Betroffenen lässt einen oft nicht kalt.“ Den Kontakt zu den Abhängigen bezeichnet er als „professionell empathisch“.

          Mitten im Café steht eine Säule, umwickelt von Bändern. An jedem Band hängt ein Namensschild mit Geburts- und Sterbedatum einzelner Klienten, die die Einrichtung aufgesucht haben. „Es ist ein Ort, um Abschied zu nehmen. Die Leute wissen unsere Arbeit zu schätzen“, betont der Sozialarbeiter. Allerdings gebe es, wie überall, auch Ausnahmen. „Wer gegen das Hausrecht verstößt, das heißt beispielsweise Mitarbeiter oder Klienten bedroht, für den haben wir einen Strafkatalog, den wir dann auch durchsetzen.“

          Die Etagenbetten sind in jeder Nacht belegt

          Das laute Rotieren der Waschmaschinen im Erdgeschoss ist begleitet von Männerstimmen. Die Wäscherei ist nur eines der vielen Arbeitsprojekte, um Menschen wieder zurückzuführen zu einem geordneten Leben. Über eine schmale Treppe gelangt man in die untere Etage der mehr als 100 Jahre alten Fabrik. Hier befindet sich der Notbettenkeller. Nachts fährt ein Shuttle-Bus zentrale Orte innerhalb Frankfurts ab. Streetworker sprechen Drogenabhängige an und bringen sie bei Bedarf in die Einrichtung. Der Raum wirkt düster und kalt. Es gibt nur zwei schmale Fenster. Der Geruch von Alkohol und Zigaretten steigt in die Nase. Die Etagenbetten aus Metall stehen eng aneinander gereiht unter der tief hängenden Decke. Sie bieten Platz für 25 Personen und sind so gut wie jede Nacht vollständig belegt. Eine ähnliche Situation findet man im zweiten Stock vor. Entlang eines Gangs reihen sich 15 Zimmer, meist Vierbettzimmer. „Die Betten, Schränke und die Nachttische werden von der Einrichtung gestellt. Der Rest gehört ihnen persönlich. Und das ist nicht viel“, versichert Lange. Für Privatsphäre ist kein Platz. Dazu kommt, dass es oft keine Möglichkeit gibt, Frauen und Männer getrennt unterzubringen. „Das ist besonders dann ein Problem, wenn es um Frauen geht, die Gewalt erlebt haben und dann mit drei Männern in einem Zimmer übernachten sollen. Da versuchen wir allerdings immer, möglichst schnell eine gute Lösung zu finden“, beteuert der Vater von zwei Kindern.

          Sie wissen, was im Notfall zu tun ist

          Wenn er eines der Zimmer betritt und einen Menschen leblos auffindet, stößt auch er immer wieder an seine Grenzen. Das kommt selten vor, denn die Bewohner müssen ihre Zimmer morgens verlassen und dürfen sie erst gegen Abend wieder betreten. Dadurch soll ein unkontrollierter Drogenkonsum verhindert werden. 15 Minuten vor Öffnung des Drogenkonsumraums im Erdgeschoss ist alles ruhig. Schon bald werden die ersten Klienten da sein, um ihre Drogen konsumieren zu können. Jeder, der hierherkommt, muss sich zunächst einmal anmelden. Boden und Wände sind grau gekachelt. Alles wirkt steril. Es gibt acht Spiegel, acht schwarze Stühle und acht Tischflächen mit jeweils einem Mülleimer darunter. An jedem der Plätze kann intravenös konsumiert werden, an zweien ist zusätzlich das Rauchen von Heroin oder anderen Rauschmitteln möglich. Lange beschreibt den durchschnittlich 20-minütigen Prozess als ruhig: „Wir kennen die Leute. Sie zeigen vor, was sie haben: zum Beispiel Heroin oder Crack. Dann wissen wir auch im Falle eines Notfalls, was zu tun ist.“

          Von der Gesellschaft grundsätzlich stigmatisiert

          Die Mitarbeiter trennt eine Glasscheibe vom Konsumbereich. Jeder hat eine Notfallausbildung, um etwa bei einer Überdosis Erste Hilfe leisten zu können. Es gibt zwei Waschbecken. Jeder Konsument muss sich gründlich die Hände reinigen. Er erhält eine Metallschale. Sie sind gefüllt mit Utensilien: Löffel, Tupfer, Alkohol, Nadeln, Pumpen sowie Ascorbinsäure. Diese benötigen sie, um das Heroin aufkochen zu können. Pro Tag nutzen das im Schnitt 25 Personen.

          Beim Transport der Betäubungsmittel in die Einrichtung machen sich die Klienten nach dem Betäubungsmittelgesetz strafbar. Mit dem Betreten des Raums greift dieses nicht mehr, hier können sie unter sicheren Bedingungen für den Eigenbedarf konsumieren. Jeder Nutzer muss sich an Regeln halten. So ist etwa das Dealen oder gegenseitige Helfen beim Spritzen streng verboten. „Leben retten!“, darin besteht für Lange das Erfolgsmodell. „Was mir hilft, diese Arbeit machen zu können, ist die Gewissheit, dass das hier eigentlich starke Leute sind. Sie sind von der Gesellschaft grundsätzlich stigmatisiert, versuchen aber trotzdem, sich ein organisiertes Leben aufzubauen. Ich könnte wetten, dass viele von uns eine solche Situation nicht lange durchhalten würden.“

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