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Fränkische Brauerei : Entalkoholisierung rentiert sich

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Weizen und Braugerste aus der Region, ein eigener Brunnen und eine eigene Mälzerei. Die Brauerei im fränkischen Krautheim behauptet sich gut.

          Rund 12 000 Jahre vor Christus wurde in einer von Archäologen erst dieses Jahr entdeckten Höhle der Natufien-Kultur in Israel ein bierähnliches Getränk gebraut. Das Getränk soll eine Art Suppe mit deutlich weniger Alkoholgehalt als Bier gewesen sein und wurde wie heute zu Feierlichkeiten getrunken. Auch in der sumerischen Kultur wurde 6000 vor Christus das „Getränk der Götter“ gebraut und ist somit bis heute eines der ältesten Lebensmittel der Welt. Die Geschichte der Brauerei in Krautheim ist nicht ganz so lang, sie beginnt im Jahr 1654, als das Dorf noch der Grafschaft Castell gehörte. Ein Dokument, das in Kopie in Besitz der Familie Düll ist, bestätigt den Brauplatz und gibt Aufschluss über den damaligen Besitzer namens Dietrich. Nach 1725 ging die Brauerei an verschiedene Besitzer, bis im Jahr 1881 der Brauer Friedrich Düll die Witwe des Vorbesitzers heiratete. Seit dem Jahr 1991 ist Diplom-Brauingenieur Friedrich Düll Inhaber der Brauerei.

          Keine Bierautomaten in der Industrie

          Kommt man auf den Hof, fällt der Oldtimer auf, mit dem damals noch Bier vor die Haustür der Kunden geliefert wurde. „Krautheimer war schon mal größer. Früher gab es allein 50 Prozent Heimdienst“, sagt Düll. Diesen Lieferservice an Privatkunden macht heute kaum noch eine Brauerei im großen Stil, weil das Supermarktangebot zu umfangreich ist, vor Jahrzehnten waren es noch zehn Fahrzeuge, die so im Einsatz waren. Es gestaltet sich schwieriger, das Bier unter die Menschen zu bringen, was auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist, wie Düll meint. Zum einen der stark gesunkene Pro-Kopf-Konsum von Bier in Deutschland: Waren es 1970 noch rund 140 Liter im Jahr, sind es heute nur noch rund 100 Liter, was aber nach wie vor zweithöchster Stand in Europa nach Tschechien mit 143 Litern ist. Zum anderen nennt Düll das Verschwinden des Alkohols aus der Arbeitswelt, es gebe keine Bierautomaten mehr in der Industrie und ein generelles Verbot von Trinken am Arbeitsplatz. Es ist also für eine Brauerei mit 17 Mitarbeitern und einer Jahresproduktion von ungefähr 30 000 Hektolitern wichtig, das Produkt richtig zu vermarkten.

          Kooperation mit jungen Würzburgern

          „Das Prinzip der Regionalität halten wir hoch. Anders geht es nicht“, sagt Friedrich Düll. Krautheim sei „sehr gastronomielastig“, viele der Dorfgaststätten und Wirtshäuser, die damals von früheren Konkurrenten beliefert worden waren, werden jetzt von ihm beliefert. 50 Prozent Fass- und 50 Prozent Flaschenverkauf, wobei circa 70 Prozent die Sorte Pils und 25 Prozent alkoholfreies Bier ausmachen, hieven den Jahresumsatz der Brauerei auf ungefähr 2,5 Millionen Euro. Der Diplom-Brauingenieur ist stolz darauf, ein regionaler Vollsortimenter zu sein: „15 Sorten Bier können wir liefern. Von den gängigen Sorten Pils, Märzen und Weißbier bis hin zu stärkeren Bieren wie dem Weizenbock.“

          Seit drei Jahren wird in Kooperation mit einigen jungen Würzburgern Craft-Bier in kleineren Mengen gebraut. Einen Whiskey zu brennen gehört für den experimentierfreudigen Brauer dazu. Besonders stolz ist Düll auf das alkoholfreie Bier. Die teure Entalkoholisierungsanlage für Weizenbier und untergärige Biere habe sich gelohnt. Mit sieben großen Landwirten von Weizen und Braugerste aus der unmittelbaren Region, aus Krautheim, Schallfeld oder Estenfeld bei Würzburg, werden auf kurzen Wegen Kosten gespart. „Etwa 50 Prozent der in Deutschland verwendeten Braugerste kommen eigentlich aus dem Ausland, das wissen viele gar nicht“, sagt Friedrich Düll. Weitere Besonderheiten der Brauerei sind die Brunnen auf dem Gelände, mit deren Wasser das Bier gebraut wird, was eine erhebliche Ersparnis darstellt, da, wie Düll ausführt, allein für Abwasser schon etwa 20 000 Euro im Jahr bezahlt werden müssen. Weitere Besonderheiten sind der verwendete Doldenhopfen aus der Hallertau sowie die klassische Braukunst durch kalte Gärung. „Unser Bier ist lange im Tank, 90 Tage.“ Andere würden damit werben, ihr Bier sei 30 oder 40 Tage lang im Tank.

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