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Forensische Psychiatrie : Niemand wird Insasse genannt

  • Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Vergitterte Fenster? Stacheldrahtzaun? Das Motto der Forensischen Psychiatrie ist ein anderes: Niemand kann den Weg in die Normalität zurückfinden, wenn er behandelt wird wie ein Schwerverbrecher.

          Ein großes Gebäude mit Innenhof, Sporthalle und eigenem Kiosk. Auf den ersten Blick betrachtet wirkt die Forensische Psychiatrie in Klingenmünster wie eine Schule. Weder vergitterte Fenster noch hohe Stacheldrahtzäune erwecken den Eindruck von Gefangenschaft der etwa 180 Patienten, die sich aufgrund eines Gerichtsurteils oder -beschlusses hier befinden. Jeder Patient dieser Klinik ist straffällig geworden, entweder als Folge einer Suchterkrankung oder einer psychischen Erkrankung, wie etwa Schizophrenie, wahnhafte Störungen, narzisstische Störungen oder dem Borderline-Syndrom. Diese Menschen sind oft nicht zurechnungsfähig und damit auch nicht voll schuldfähig. Da sie aber ernsthaft gefährlich sein können, werden sie hier von Ärzten und Psychologen therapiert und erst nach erfolgreicher Therapie entlassen. „Niemand hier sitzt ein paar Jahre ab und geht dann unverändert zurück ins Leben“, erklärt Michael Noetzel, der Leiter der Klinik.

          Durch die Zimmertüren der Patienten, die im Schnitt 34 Jahre alt sind, dringen Geräusche von Fernsehern und Radios, und in den bunt gestrichenen Gemeinschaftsräumen sitzen einige Männer zusammen, trinken Kaffee und diskutieren über Fußball. Die doppelt verglasten Fenster und die Sicherheitstüren zu den Stationen, durch die man nur mit bestimmten Chips und Codes gelangen kann, zeigen jedoch deutlich, dass es sich hier nicht um normale Männer handelt. In einem Raum, direkt neben dem Gemeinschaftsraum und der Stationsküche, steht ein an den Boden gekettetes Bett, an das ein Patient mit Handschellen und Fußfesseln gefesselt werden kann. „Diesen Raum brauchen wir immer dann, wenn einer der Patienten ausflippt und sich nicht mehr beruhigen kann. Dann muss er eine Weile hier bleiben“, sagt der große grauhaarige Chefarzt.

          „Ähm, Doktor?“, spricht ein Mann in Jogginghosen und Fußballtrikot Nötzel an, „Haben Sie sich’s schon überlegt? Wegen meiner Verlegung. Ich hatte eine beantragt letzte Woche. Und er auch“, er deutet auf einen Mann, der hinter ihm steht. „Wissen Sie schon was? Wir dachten wir könnten vielleicht auf Station 3 hochrücken, ginge das?“ Die Psychiatrie ist in sechzehn Stationen unterteilt, acht für suchtkranke Patienten und acht für psychisch Kranke. Alle Patienten beginnen auf der jeweils ersten Station und können erst auf der letzten entlassen werden. Somit haben sie immer kleine Ziele vor Augen und können belohnt werden, wenn sie in der Therapie mitarbeiten und vorankommen. „Ich weiß nicht, ob Sie schon so weit sind. Ich werde nachsehen und Ihnen Bescheid geben, sobald wir entschieden haben“, antwortet der Arzt.

          Je höher die Stufe, auf der sie sich befinden, desto größer sind auch die Freiheiten der Patienten. Sobald sie bewiesen haben, dass sie gesellschaftsfähig sind, dürfen sie mit Pflegepersonal Ausflüge in das Dorf machen, später sogar allein. Trotzdem gelten auch diese Patienten noch als Gefahr. „Sobald einer von ihnen auch nur eine Viertelstunde zu spät zurückkommt, rufen wir die Polizei. Außerdem sind wir auch intern manchmal auf ihre Hilfe angewiesen, wenn aggressive Patienten randalieren.“

          Für die Bevölkerung, vor allem diejenigen, die in der Umgebung der Klinik leben, ist es wichtig zu wissen, dass sie von denjenigen Patienten, die sich frei im Ort bewegen dürfen, nichts zu befürchten haben. Oftmals fordern die Anwohner in der Nähe der Klinik härtere Sicherheitsmaßnahmen. „Dabei geht es nicht wirklich um die Sicherheit hier, die ist gegeben“, sagt Noetzel. „Es geht darum, dass man die Sicherheit von außen sehen soll. Am besten zehn Meter hohe Stacheldrahtzäune um das ganze Gelände und Polizisten, die davorstehen und Wache halten. Aber wie viel Prozent der Menschen hier brauchen diese Zäune? Fünf, vielleicht zehn? Und diese Menschen haben Zäune. Nur ein kleiner Bereich ist eingezäunt, aber doch nicht jeder Winkel. Niemand kann den Weg in die Normalität zurückfinden, wenn er dabei behandelt wird wie ein Schwerverbrecher.“

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