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Förster : Nach zwei Stunden fällt der Schuss

  • -Aktualisiert am

Bild: von Zubinski

Die Kundschaft wartet auf Wildfleisch, der Förster auf dem Hochsitz. Auf der Jagd im Landkreis Aschaffenburg.

          Vorsichtig öffnet er die Autotür. Jetzt darf er keinen Laut mehr von sich geben. Ein Fernglas, eine Flasche Wasser und Schallschutzkopfhörer sind seine ständigen Begleiter. Das Gewehr holt er lautlos aus der Tasche im Kofferraum. Behutsam drückt er den Deckel zu. Mit brauner Hose und grüner Jacke bekleidet, schleicht er den Weg zum Hochsitz auf dem mit Gras bewachsenen Rand des Waldweges entlang, wo seine Schritte abgedämpft werden. Gerhard Eidenschink ist Förster im Landkreis Aschaffenburg. Auf die Jagend geht er seit mehr als 29 Jahren. Die Jagdausbildung hat er während seines Studiums in Freising absolviert. Der Förster hat es sich auf dem Hochsitz gemütlich gemacht, lehnt das Gewehr an die Wand und steckt seine Hände in die Taschen. Jetzt heißt es: warten. Denn beim heutigen Ansitz will der 55-Jährige mit den halblangen, braunen Haaren Wildschweine jagen, die sich besonders bei Dunkelheit aus dem Dickicht wagen. Keiler und Bache dürfen von Juni bis Februar geschossen werden. Mehr noch: Sie müssen geschossen werden. Die zu hohe Wilddichte verursacht jährlich große Schäden in Wald und Feldern durch Wühlgruben oder den Verbiss von jungen Tannen. „Es gibt sogar so viel Nachwuchs, dass dieser komplett ausgelöscht werden müsste, um eine konstante Zahl zu halten“, erklärt der Förster. Das ist aber bei weitem nicht möglich. Selbst ein guter Jäger drückt nur bei jedem fünften Ansitz den Abzug, da er häufig keine Tiere zu Gesicht bekommt. Das Warten kann durchaus meditativ sein. Oft liest Eidenschink etwas oder genießt die Natur.

          Eine Wildsau hat er nicht erwischt

          Doch da, ein Reh! Eidenschink behält die Ruhe. Mit seinem Fernglas überprüft er das Geschlecht und macht das Alter am Fell fest. Alles passt. Er legt zum Schuss an. Einige Minuten vergehen. Langsam legt er den Kopf in die richtige Position. Er visiert das Reh an. Ein Schuss fällt. Nach zwei Stunden Warten und endlos erscheinenden zehn Minuten Hoffen, dass das Reh endlich näherkommt, ein Treffer. Das Tier fällt und ist auf der Stelle tot. Der Förster steigt vom Hochsitz und nähert sich dem erlegten Wild. Jetzt kann er wieder normal laufen, die noch lebende Tierwelt ist durch den Schuss sowieso verschreckt. Dem etwa drei Jahre alten Reh erweist er die letzte Ehre, indem er ihm einen Tannenzweig ins Maul steckt. Tradition sei bei der Jagd wichtig, erklärt er, und sie schütze davor, zu verrohen. Der Tannenzweig soll die Achtung vor dem Tier zum Ausdruck bringen. Das Ziel, eine Wildsau zu erwischen, hat der Förster nicht erreicht, dennoch strahlt er über seinen Erfolg.

          Dort wird der Bauch aufgeschlitzt

          Nun folgt der arbeitsreichere Teil. In einer Wanne transportiert er das Tier zur nächsten Wildkammer, einer gekachelten Hütte von der Größe einer Garage. Dort wird es am Bauch aufgeschlitzt. Nach dem Entfernen der Organe spült Eidenschink den Körper mit Wasser aus und hängt das Reh an einen Haken im Kühlraum des Häuschens. Wildkammern müssen in ganz Deutschland zertifiziert sein. Eine engmaschige staatliche Kontrolle stellt sicher, dass das Fleisch auch wirklich von bester Qualität ist. Nach dem Aufhängen des Wildes erledigt ein Metzger den Rest der Arbeit. Und er muss dies in letzter Zeit immer häufiger tun. Die Nachfrage nach Fleisch von freilebenden Tieren ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Gerade um die Weihnachtszeit herum müssen sich die meisten zunächst mit einem Platz auf Eidenschinks Warteliste für sein Wildfleisch zufriedengeben.

          Fanatiker, die den Sinn verfehlen

          Die Nachfrage nach Wild ist hoch, es gibt genug davon, und die Tiere leiden nicht. Aber gibt es da nicht noch einen Haken? Vorurteile gegenüber Jägern sind weitverbreitet. So sind viele Menschen generell gegen das Töten von Tieren. „Ich kann schon verstehen, dass man das irgendwie abstoßend findet“, sagt Eidenschink. Auch er trifft von Zeit zu Zeit auf Jagdfanatiker, die den Sinn der Jagd verfehlten. Er ärgert sich etwa darüber, dass manche Jäger die Beute nur nach der Form der Geweihe auswählen. „Hin und wieder mag es Negativbeispiele geben, der Großteil von uns ist aber eigentlich normal“, sagt der Förster. Er selbst gönnt sich nun ein Stück Rehrücken von der letzten Jagd und lässt den Abend zufrieden ausklingen, draußen ist es schon Nacht geworden.

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