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Fluglotsen : November bedeutet hoch über den Wolken Norden

  • -Aktualisiert am

Center-Fluglotsen wie Tobias Neumann arbeiten hochkonzentriert und müssen vorausschauend handeln – denn Flugzeuge sind schnell

          3 Min.

          Wenn Tobias Neumann zu seiner achtstündigen Arbeitsschicht von zu Hause aufbricht, dann tut der junge Mann dies fast immer zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Das liegt daran, dass er einer der 320 in Bremen beschäftigten Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung ist und Schichtdienst damit zu seinem Alltag gehört, denn der Flugverkehr an Deutschlands Himmel schläft nie. Genauer gesagt ist Neumann einer von vielen Centerlotsen im Aero Control Center Bremen. Grundsätzlich unterscheidet man bei den Fluglotsen zwischen zwei Arten: den Tower- und den Centerlotsen. Towerlotsen kennen vermutlich viele aus Filmen oder vom eigenen Besuch eines Flughafens, denn sie arbeiten im Tower des Flughafens und sind somit direkt vor Ort. Sie regeln den sicheren Flugablauf von der Landung bis zum Start eines Flugzeuges und übergeben die Verantwortung nach dem Start an die Centerlotsen, die die gesamten Flugzeuge am deutschen Himmel überwachen und koordinieren.

          Zu Beginn ein 30-minütiges Briefing

          Um Centerlotse zu werden, musste Tobias Neumann eine dreijährige Ausbildung machen. Nach eineinhalb Jahren, in denen er wichtige theoretische Grundlagen gelernt und einige praktische Erfahrungen mit Hilfe von Simulationen gesammelt hat, ist er nach Bremen gekommen, um dort das sogenannte „Training on the job“ zu absolvieren. Dabei hat er bereits mit der Hilfe eines erfahrenen Kollegen in seinem späteren Einsatzbereich gearbeitet und am Ende seine Fluglotsenlizenz bekommen. Nach einem etwa 30-minütigen Briefing, bei dem sich Tobias Neumann über tagesaktuelle Rahmenbedingungen seiner Arbeit informiert, begibt er sich an seinen Arbeitsplatz, einen riesigen Raum, in dem er neben einigen seiner Fluglotsen-Kollegen vor einer Stellwand mit zahlreichen Monitoren und Radarschirmen sitzt. Seine Aufgabe als Center-Fluglotse ist es, den Flugverkehr zu überwachen und für einen reibungslosen und sicheren Ablauf am Himmel zu sorgen. Natürlich erhält er dabei Unterstützung von vielen Kollegen. „Der deutsche Luftraum ist in viele kleine Teilabschnitte, die sogenannten Luftraum-Sektoren, unterteilt“, erklärt Neumann. Jeder dieser Sektoren wird von einem Fluglotsenteam, bestehend aus einem Radar- und einem Koordinationslotsen, überwacht.

          Anweisungen für den Lufthansa-Piloten

          Der Radarlotse behält stets das Radar, auf dem die Flugzeugpositionen, -höhen und -geschwindigkeiten angezeigt werden, im Auge. Außerdem hält er Funkkontakt zu den Piloten und gibt diesen Anweisungen, wie hoch, schnell und welche Route sie fliegen sollen. Denn er verwaltet den gesamten Luftraum seines Sektors. Dazu staffelt er die Flugzeuge so, dass diese immer die Mindestabstände von vertikal etwa 300 Metern oder horizontal rund neun Kilometern einhalten. Der Koordinationslotse hält im Gegenzug dazu Absprachen mit den Fluglotsen angrenzender Sektoren und bespricht mit ihnen zum Beispiel die Übergabehöhen der Flugzeuge. Des Weiteren behält er ebenfalls immer das Radar im Auge, denn vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei, sagt Tobias Neumann. Die Teamfähigkeit beider Fluglotsen ist daher enorm wichtig. Hochkonzentriert sitzt der leger gekleidete Fluglotse vor seinem Radar und gibt dem Piloten einer Lufthansa-Maschine per Headset Anweisungen zu einer Höhenänderung. Dazu nennt er zunächst die Flugnummer des Flugzeugs und gibt dann die neue Höhe durch. Der Pilot der Maschine wiederholt die ihm gegebenen Informationen, um sicherzustellen, dass keine Missverständnisse auftreten. Währenddessen behält Tobias Neumann stets die anderen Flugzeuge seines Sektors, der an diesem Tag den Luftraum rund um den Flughafen Hannover umfasst, im Auge. Er erklärt, dass es wichtig ist, vorausschauend zu handeln, denn Flugzeuge bewegen sich mit Geschwindigkeiten von mehreren hundert Kilometern pro Stunde und verändern dadurch enorm schnell ihre Positionen. Außerdem sind einige Flugzeuge aufgrund ihrer Masse träger als andere, so dass einige Kursänderungen länger dauern als andere.

          Alle zweieinhalb Stunden müssen Pausen eingelegt werden

          Gleichzeitig muss aber auch das Flieger-Englisch wie im Schlaf sitzen, denn manchmal müssen viele Anweisungen nahezu gleichzeitig gemacht werden, wodurch eine schnelle Verständigung zwischen Fluglotse und Pilot wichtig ist. So verwenden Fluglotsen und Piloten beispielsweise das Wort „November“, wenn sie die Himmelsrichtung Norden meinen, wodurch Missverständnisse beim Verständnis der Wörter ausgeschlossen werden sollen, aber auch Störgeräusche vermieden werden. Das englische th führt zum Beispiel zu einem unverständlichen Rauschen und wird durch die Aussprache eines einfachen ts ersetzt: tree statt three. All diese Aspekte setzen natürlich Multitasking als Grundfähigkeit voraus, aber auch die Fähigkeit, sich über längere Zeiträume extrem konzentrieren zu können. Alle zweieinhalb Stunden müssen mindestens 30-minütige Pausen eingelegt werden. Neumann wird von einem Kollegen abgelöst. Nach einem kurzen Briefing zur aktuellen Situation überreicht er seinem Kollegen sein Headset, der sofort den Funkkontakt zu den Piloten aufnimmt. Ist die Pause beendet, wechselt die Position des Fluglotsen und er wird für zweieinhalb Stunden in einem anderen Luftraumsektor eingeteilt, bis er in seine nächste Pause geht. Mit Abschluss seiner Achtstundenschicht wird er dann erneut von einem Kollegen abgelöst. Diese Ablöse erfolgt, wie auch bei der zu den Pausen, in einem fliegenden Wechsel. „Was ich an meinem Beruf besonders schätze, ist, dass ich keine Arbeit mit nach Hause nehmen muss. Für mich ist der Arbeitstag jetzt vorbei, und nun kann ich mich entspannt auf meine nächste Schicht vorbereiten“, erklärt Neumann.

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