https://www.faz.net/-gum-9fpfc

Flüchtlingskind : Sie mag die Schweiz sehr

  • -Aktualisiert am

Selam ist 17 Jahre alt und mit ihrer Famlie aus Eritrea geflohen. In der Schweiz findet sie sich gut zurecht. Auch wenn sie oft angestarrt wird.

          2 Min.

          Man muss kämpfen, wenn man im Leben etwas erreichen will.“ Selam (Name geändert) lächelt. Die 17-jährige Eritreerin fährt sich durch ihre schwarzen Zöpfe und seufzt. „Man kann nicht einfach darauf warten, dass der Erfolg einem zufliegt, man muss sich anstrengen.“ Die Familie lebte zur Zeit ihrer Geburt in Sudan. Als Zehnjährige flüchtete sie mit ihrem Vater und ihren drei Geschwistern in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Schweiz. Ihr Vater konnte die Schulgebühr nicht mehr zahlen und beschloss, Sudan zu verlassen. Als sie sich an ihre Flucht erinnert, atmet sie tief aus. „Um drei Uhr nachts wurden wir abgeholt und an die Grenze gefahren. Die Fahrt in großen, verdunkelten Autos dauerte drei Nächte. Von der Grenze aus konnten wir über Ägypten in die Schweiz fliegen. W ir mussten alles versteckt machen, niemand durfte von unserer Flucht wissen.“ Die Familie war regimekritisch und lebte unter ständiger Angst, beobachtet oder verfolgt zu werden. Selam erklärt, dass man bei falschen Handlungen ins Gefängnis geschickt wird. „In der Schweiz gibt es Regeln, man darf nein sagen, in Sudan wird man bestraft, wenn man sich falsch äußert oder verhält.“

          Schläge mit dem Stock

          Wie sie damals in der Schule behandelt wurde, ist für uns unvorstellbar. „Wenn man ohne Aufforderung gesprochen hat oder zu spät kam, wurde man mit Gurt oder Stock geschlagen, das war schlimm.“ Teils saßen 60 Schüler in einer Klasse. Trotzdem beteuert sie: „Ich vermisse meine Kindheit und die Schulzeit, aber vor allem meine Freundinnen.“ Sie konnte sich nicht verabschieden, was sie traurig gemacht habe. Ihre Mutter war bereits zwei Jahre früher geflüchtet, weil sie sich ein besseres Leben aufbauen wollte. „Wir wussten sieben Jahre lang nicht, wo unsere Mutter ist, ob sie überhaupt noch lebte.“ Ihre Stimme stockt. „Aber seit zwei Jahren sind wir wieder zusammen.“ In der Schweiz ist alles anders; das Essen, das Wasser, die Kleider, das Wetter, die Menschen. „Es war ein neues Leben.“ Angekommen in Basel, teilte sich die Familie ein Zimmer mit 15 fremden Menschen. Nach drei Monaten wurde sie nach Uster geschickt. „Es war auch ein Heim, aber besser, unsere Familie hatte sogar ein eigenes Zimmer.“ Toiletten, Duschen und Küche mussten sie teilen. An ihrem ersten Schultag war sie nervös. Sprachprobleme entpuppten sich als soziale Barriere. „Alle schauten mich an, weil ich nichts verstand. Sobald man besser Deutsch sprechen kann, wird man aufgenommen.“ Anfangs hat sie sich in den Pausen nur mit ihren Geschwistern unterhalten. „Die Menschen stellten sich vor, dass ich wegen meiner Hautfarbe ein anderer Mensch bin“, sagt sie mit viel Verständnis in der Stimme. Hat sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht? „Mit Blicken werde ich schon diskriminiert, aber niemand sagt mir etwas direkt ins Gesicht.“ Ihr sei schon gesagt worden, sie sei nicht wie andere Dunkelhäutige.

          Neugierige Blicke, hilfsbereite Lehrer

          Niemand spricht sie direkt auf ihre Hautfarbe an. Für sie sei es zur Normalität geworden, komisch angeschaut zu werden. „Manchmal schauen die Leute eben, ich sehe schließlich auch anders aus.“ Selam war es wichtig, schnell Deutsch zu lernen und alles zu verstehen. „Den Unterricht finde ich manchmal schwierig, aber die Lehrer sind sehr hilfsbereit.“ Mit der Hilfe einer Anlaufstelle für Jugendliche bei der Lehrstellensuche bewarb sie sich bei einem Altersheim als Pflegerin. Als ihr nach zwei Schnuppertagen zugesagt wurde, war sie stolz. „Die alten Leute sind so herzig, ihr Herz ist voller Liebe.“ Selam strahlt. „Es tut mir gut, dass ich anderen helfen kann. Ich freue mich, wenn sie nach mir fragen und weiß, dass sie mich auch mögen.“ Heute lebt Selam mit ihrer Familie in Oetwil am See in einer Wohnung. Ihr Vater arbeitet für die Gemeinde, die ältere Schwester ist Bäckerin. Die jüngeren Geschwister gehen zur Schule. Freunde und Verwandte sind auf der Welt verstreut. „Sie sind auch alle geflüchtet nach Amerika, Kanada, Deutschland und Holland. Ich mag die Schweiz sehr, hier muss man keine Angst haben.“ Trotzdem fürchtet sie sich immer noch davor, wieder zurückgeschickt zu werden. „Jeder, der flüchtet, hat einen Grund, es zu tun.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte über seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.
          Traditionell ist die Agrarpolitik einer der größten Blöcke im Haushalt.

          EU-Gipfel : Das große Feilschen um die Milliarden

          Auf dem EU-Gipfel in dieser Woche steht ein Thema ganz oben auf der Agenda: Wie viel Geld soll fließen? Wohin soll es fließen? Und wie teuer wird das für Deutschland? Ein Überblick.

          „Tatsächlich Brexit“ : Boris Johnsons Charme-Offensive

          Mit einem Video, das eine berühmte Szene aus dem Weihnachtsklassiker „Tatsächlich Liebe“ nachstellt, bittet der britische Premierminister Boris Johnson um Wählerstimmen. Es ist überraschend gelungen – und bietet trotzdem unerwünschten Subtext.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.