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Flüchtlinge : Das erste Mal zur Schule

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Sie können nicht lesen, kennen keine Busse und sind froh, dass es Menschen wie Hassan Alrobaie gibt. Der irakische Tennistrainer hilft Heimatlosen.

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          Schneller! Den kriegst du noch“, feuert Tennistrainer Hassan Alrobaie seine Schützlinge in der Tennishalle Bösel an. Mindestens genauso motiviert leitet er ehrenamtlich zweimal in der Woche von 8.30 bis 12.30 Uhr an der Volkshochschule Cloppenburg einen Integrationskurs. Viele Kinder aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan nehmen teil. Auch ihre Familien sind eingeladen. „Viele Kinder können nicht mal ihre eigene Sprache lesen oder schreiben und sind nie zur Schule gegangen“, erzählt der gebürtige Iraker, während er seine Tennisschüler dazu auffordert, sich mehr zu bewegen. Vor allem Afghanen und Syrer seien davon betroffen, und viele von ihnen haben jetzt Probleme, in Deutschland zur Schule zu gehen.

          Ein Helfer der Caritas

          „Das Lernmaterial wird von der Volkshochschule bereitgestellt. Meist sind es Bücher und Bilder, aber manchmal gibt es auch modernere Medien, wie zum Beispiel Videos, die wir verwenden können. Zuerst erkläre ich die Lerninhalte auf Arabisch und dann auf Deutsch, damit die Flüchtlinge es besser verstehen und die Unterschiede zwischen beiden Sprachen deutlicher werden können.“ Ziel des 38-Jährigen ist es, den Flüchtlingen die deutsche Sprache näherzubringen und ihnen den Alltag in Deutschland zu erleichtern. „In ihren Heimatländern ist es die Regel, am Samstag und Sonntag zu arbeiten, dafür haben sie aber am Freitag Ruhetag. Zuerst haben sie gar nicht verstanden, warum am Sonntag nicht gearbeitet werden darf“, erzählt der kleine Brillenträger, als er zum Sammeln der Tennisbälle aufruft. Die meisten von ihnen wissen nicht, wie man Bus oder Bahn fährt und kennen auch keine Fußgängerwege. „Um den Alltag besser koordinieren zu können, wird ihnen von der Caritas ein Helfer bereitgestellt, der den Flüchtlingen bei der Koordination und Terminplanung hilft, da ich ihnen auch nicht immer zur Seite stehen kann.“

          Vor Terrormilizen geflohen

          Viele seiner Kursbesucher sind aufgrund von Krieg oder Unterdrückung durch verschiedene Terrormilizen geflohen. „Die meisten Flüchtlinge haben kein Problem damit, wenn man etwas von ihnen erzählt oder sie nach den Geschehnissen in ihrem Heimatland fragt“, berichtet Alrobaie, während er den nächsten Tennisball einspielt. Er selbst ist damals, vor 22 Jahren allein nach Deutschland gekommen, da er Sportmanagement studieren wollte. „Meine Eltern haben zu der Zeit in Jordanien gelebt, und obwohl das Geld knapp war, haben sie mir regelmäßig welches geschickt. Nach einem Jahr musste ich das Studium dennoch abbrechen, da das Geld nicht reichte.“ Danach wurde er als Tennistrainer und lebt mit seiner Familie in Cloppenburg. Er arbeitet im Tennisverein Bösel und Cappeln. Seine Eltern sind vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen, sein Vater arbeitet auch Tennistrainer.

          In einer Klasse und verfeindet

          Obwohl der Unterricht anstrengend und fordernd sei, macht er ihn gerne, da er der arabischen Sprache mächtig ist und den Flüchtlingen helfen möchte. Alles begann mit der großen Flüchtlingswelle. Zuerst war er nur Übersetzter bei der Caritas und der Volkshochschule Cloppenburg, bis er gefragt wurde, ob er nicht als Dozent arbeiten wolle, da arabischsprechende Lehrer benötigt wurden. „Ich habe zwei Iraker in meinem Unterricht, die beide gläubige Muslems sind. Sie haben allerdings einen grundlegenden Unterschied, denn einer ist Sunnit und der andere Schiit. Die irakische Bevölkerung besteht zu etwas mehr als 50 Prozent aus Schiiten. Der Rest der Bevölkerung ist sunnitischen Glaubens. Im Bürgerkrieg haben beide gegeneinander gekämpft, und nun sitzen die beiden zusammen in einer Klasse. Am Anfang waren sie verfeindet und konnten den jeweils anderen nicht leiden. Wir haben uns oft getroffen, beide haben ihre Argumente angeführt, und langsam haben beide die Glaubensrichtung des anderen akzeptiert und respektiert. Nun sind sie sehr gute Freunde geworden, sowohl in als auch außerhalb der Schule“, berichtet der sympathische Araber. „Die neue Umgebung bringt Menschen zusammen, und ich empfinde das als ein gutes Beispiel für gelungene Integration.“

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