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Flucht aus Vietnam : Eine Handvoll Reis

  • -Aktualisiert am

Die Flucht mit ihrem ungeborenen Kind über das Meer war lebensgefährlich: Gespräch mit einem vietnamesischen Paar, das in der Eifel eine Heimat gefunden hat.

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          Die größte Angst hatte ich um mein ungeborenes Kind“, sagt Thixi Dinh beim Gespräch in der Eifel über die Zeit, als sie 1988 mit ihrem Mann auf einem kleinen Fischerboot aus Vietnam flüchtete. Ursache war der Krieg zwischen Nord- und Südvietnam, der am 1. Mai 1975 mit der Eroberung der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon durch nordvietnamesische Truppen endete. Der Sieg der Kommunisten zwang die beiden damals 21-Jährigen, diesen Schritt zu gehen, denn es war durch die veränderten politischen Verhältnisse gefährlich geworden, seine Meinung frei zu äußern. Außerdem war es schwierig, eine Arbeit zu finden, die eine finanzielle Absicherung zur Gründung einer Familie gewährleistete. „Man hatte gar keine Chance, einen Beruf frei zu wählen, denn im ländlichen Raum gab es nur die Möglichkeit, Fischer oder Bauer zu werden, so wie die eigenen Eltern“, sagt die dreifache Mutter. „Mein Mann verdiente etwas Geld mit dem Fischen, und ich erledigte die anfallende Hausarbeit, denn dies wurde von den Frauen damals erwartet. Ich unterstützte meinen Mann, indem ich zum Beispiel kaputte Fischernetze reparierte.“ Für die heute 53-Jährige und ihren Mann wurde schnell klar, dass sie diesen Bedingungen, sobald sich die Möglichkeit bot, entrinnen wollten. Über einen längeren Zeitraum sparten sie die 3000 Dollar je Person, die ein Fischer für die Flucht verlangte. Als sie die Summe endlich zusammenhatten, traten sie mit weiteren 157 Menschen die Flucht am 19. August 1988 in einem Fischerboot an.

          Verwandte und Freunde durften nichts wissen

          Vor der Flucht bildeten sich zwei Gruppen, und das Paar war gezwungen, sich für ein paar Tage zu trennen, damit die Polizei keinen Verdacht schöpfte. Außerdem gab ihnen die Nacht den nötigen Schutz, um von niemandem gesehen zu werden. Da sie ihre Verwandten und Freunde nicht in ihre Pläne einweihen konnten, konnten sie sich nicht von ihnen verabschieden. „Auf dem Boot herrschten schlimme Zustände“, berichtet die sympathische Frau. „Wir bekamen eine Handvoll Reis am Tag und einen Schluck Wasser; geschlafen haben wir im Sitzen.“ Nach zweieinhalb Tagen fand das deutsche Forschungsschiff ,,Sonne“ das Boot, nahm alle Menschen auf und brachte das Fluchtboot zum Kentern, um die Spuren ihrer Flucht zu verwischen. Kapitän Martin Kull und seine Besatzung brachten alle geretteten Flüchtlinge sicher auf die Philippinen. Hier konnten die Dinhs ihre Verwandten kontaktieren und lebten die nächsten 13 Monate auf engstem Raum mit einer weiteren Familie auf den Philippinen, wo auch ihr erster Sohn geboren wurde. „Dann kam die Frage, welches Land unsere Heimat werden sollte“, erzählt die selbständige Schneiderin. Da ein deutsches Schiff sie gerettet hatte, entschieden sie sich für Deutschland. „Von dem Land und dem dortigen Leben wussten wir nichts, wir erhofften uns ein sorgenfreies und besseres Leben“, berichtet Thixi Dinh, die mittlerweile stolze Oma ist. In Deutschland angekommen, lebten die beiden die ersten vier Wochen in einem Migrantenheim in Ingelheim, dann in einem Hotel, und anschließend bezogen sie eine Wohnung in Mendig in der Vordereifel.

          Dann überkommt sie großes Mitgefühl

          Das Paar fand Arbeit in einer Firma am Fließband, und so konnten sie sich finanziell ein Polster für einen Hausbau schaffen. Vor 20 Jahren bezogen sie ihre Doppelhaushälfte in Mendig und waren damit endlich angekommen. Da Thixi Dinh die Arbeit am Fließband keine Freude bereitete, machte sie sich Anfang der neunziger Jahre selbständig, indem sie in einem Anbau am Wohnhaus eine Änderungsschneiderei eröffnete. „Am Anfang gab es viele Verständigungsprobleme, da ich keinerlei Sprachkenntnisse hatte, aber mit der Zeit konnte ich mich mit den Kunden sehr gut verständigen.“ 1990 und 2000 brachte sie noch eine Tochter und einen Sohn zur Welt, womit die Familie komplett war. Von Zeit zu Zeit besucht sie ihre Verwandten, die noch alle – bis auf eine Tante, die in Australien lebt – in Vietnam leben. Regelmäßig trifft sie sich mit den Flüchtlingen von damals und der Besatzung des Forschungsschiffes, und die Freude bei jedem Treffen ist groß. „Wenn ich heute im Fernsehen die Flüchtlingsboote sehe, überkommt mich ein sehr großes Mitgefühl, und ich hoffe, dass die Menschen eine neue Heimat finden und sich ein neues Leben in einem Land aufbauen können.“ Strahlend resümiert die Mendigerin: „Rückblickend war es schwer, Fuß zu fassen, da wir keine finanziellen Mittel hatten, die Kultur hier eine völlig andere ist und wir uns an das kalte Wetter in Deutschland gewöhnen mussten.“

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