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Flucht aus Vietnam : Flucht aus Saigon, um etwas Essbares zu finden

  • -Aktualisiert am

Bild: Moni Port

Vom Kriegsschauplatz zur modernen Metropole: Chi Zeiter aus der Schweiz ist zurück in ihrer Heimatstadt Ho Tschi Minh City. Aber nur zu Besuch.

          Als ich ein Kind war, mussten wir Saigon verlassen, um auf dem Land noch etwas Essbares zu finden.“ Chi Zeiter erzählt über ihre frühe Kindheit und die Umstände in Vietnam unmittelbar nach dem Ende des Vietnamkrieges im Jahre 1975. Die 45 Jahre alte Vietnamesin erinnert sich nicht gern an diese Zeit. Die zierliche Frau mit dem Bob-Haarschnitt sitzt in einem bunten Kleid auf einem Bambusstuhl in einem angesagten Café in der Hauptstadt Südvietnams, Ho Tschi Minh City, die früher Saigon hieß. Auf dem Granittisch steht ein „Weasel Coffee“, ein Kaffeegetränk, bei dem die Bohnen vor dem Mahlen von einem Wiesel verdaut und wieder ausgeschieden wurden. Von allen Richtungen hört man hupende Roller; der Straßenverkehr wirkt chaotisch.

          Chis erste Erinnerungen gehen ins Jahr 1978 zurück. „Saigon war arm, die Menschen hatten kaum etwas zu essen. Durch das viele Gift, das noch in den Böden war, konnten kaum Pflanzen gedeihen.“ Das Land wurde zu dieser Zeit von der Sowjetunion und Frankreich unterstützt. „Von den Russen bekamen wir Schaffett und von den Franzosen Baguettes. Das Essen musste bei der Gemeinde abgeholt werden. Jeder bekam eine genau festgelegte Menge an Nahrungsmitteln.“ Die Umstände waren so prekär, dass Chis Familie die Stadt verlassen musste, um auf einem nicht vergifteten Stück Land ihren Reis anzupflanzen.

          Chis Vater fuhr unter der Woche mehrere hundert Kilometer mit dem Motorroller nach Ho Tschi Minh City, um dort zu arbeiten. Er kehrte nur am Wochenende zurück. Dank seiner Arbeit konnten Chi und ihre zwei Geschwister die Schule besuchen. Die Familie schuftete hart, 1983 konnten sie sich ein Haus in Ho Tschi Minh City leisten. Als sie zurückzogen, hatten sich die Lebensumstände etwas verbessert. „Die Leute arbeiteten hart am Wiederaufbau.“ Innerhalb von wenigen Jahrzehnten erholte sich das Land weitgehend vom Krieg. Ho Tschi Minh City ist mittlerweile eine moderne, pulsierende Stadt, in der man dennoch an jeder Ecke die Kultur und Traditionen Vietnams beobachten kann. Das Aufeinanderprallen von Altem und Neuem macht sich überall bemerkbar.

          Knatternd über den Mekong

          Ein hölzernes Fischerboot fährt knatternd auf einem Seitenarm des Mekongs durch die Stadt. Im Hintergrund steht das höchste Gebäude Vietnams, das kürzlich fertiggestellte, 461 Meter hohe „Landmark 81“. „Vietnamesen sind fleißig. Alle arbeiten, sowohl Männer als auch Frauen.“ Dies ist nur einer der Gründe, weshalb das Land so schnell wiederaufgebaut wurde. „Nach dem Krieg bauten die Sowjets in Vietnam Erdöl ab. Dadurch floss einiges an Geld ins Land.“ Mit dem Geld kamen die ersten Touristen. Die Wirtschaft erstarkte, Vietnam schloss viele Handelsbeziehungen. Zurzeit wird in Zusammenarbeit mit Japan an einer Metro gearbeitet. Aufgrund des Aufschwungs geht es den Vietnamesen heute deutlich besser. Der durchschnittliche Lohn liegt bei ungefähr 500 Dollar im Monat. Dies ist nicht viel, aber es reicht aus zum Leben. Zwar gibt es keine staatliche Unterstützung für arme, arbeitsunfähige und alte Menschen, auch die Schule muss selbst bezahlt werden. Aber private Organisationen sammeln Spenden. „Das Volk unterstützt sich gegenseitig, die reichere Bevölkerung unterstützt die ärmere.“

          Chi erzählt von einer Begegnung, die sie geprägt hat: „In Nordvietnam lernte ich vor vielen Jahren einen Mann kennen, der für eine Wohltätigkeitsorganisation arbeitete. Er erklärte mir, wie sie eine arme Familie unterstützt hatten. Die Organisation hatte der Familie ein Kalb zur Verfügung gestellt, das aufgezogen werden musste, so dass es sich später fortpflanzen konnte. Das daraus entstandene Kalb durften sie dann behalten.“ Auf dem Land gibt es viele Selbstversorger, die ihr Haus selbst gebaut haben. Die Armut in Ho Tschi Minh City ist stark zurückgegangen, fast alle haben etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf.

          Mit ihm ging sie fünf Jahre später in die Schweiz

          1990 lernte Chi Zeiter ihren zukünftigen Mann kennen, der als Tourist kam. Mit ihm ging sie fünf Jahre später in die Schweiz, 2003 kam ihr Sohn auf die Welt. Sie lebt in Uster im Kanton Zürich und arbeitet bei einem Unternehmen, das Waagen herstellt. Mehrmals im Jahr kehrt Chi Zeiter in ihre alte Heimat zurück, um ihre Familie zu besuchen. Sie engagiert sich sozial und finanziell für ihre Heimat, spendet etwa einigen Familien Schulgeld. Sie reist und wandert gern, ist im Ruderverein und liebt es, in der Natur Sport zu machen. Im Sommer geht sie deshalb oft in den Schweizer Alpen wandern. Chi Zeiter steigt auf ihren Roller und verschwindet im Straßengetümmel von Ho Tschi Minh City.

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